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OKRA – Piano & Field Recordings

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(80 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Claus Friede  -  Freitag, den 16. September 2016 um 09:31 Uhr
OKRA – Piano & Field Recordings 4.8 out of 5 based on 80 votes.
OKRA

Die Okra, auch Gemüse-Eibisch, ist eine Gewächsart aus der Familie der Malvengewächse. Sie ist eine aus dem Hochland Ostafrikas stammende Pflanze, die eine heilende Wirkung, insbesondere auf den Darm und unser Immunsystem besitzt – davon war schon der antike Mediziner Hippokrates überzeugt.
OKRA ist aber auch die Initial-Abkürzung zweier in der Schweiz lebender Künstler: Oli Kuster und Robert Aaberhard.


Ob es kausale, verwandte oder verschwägerte oder irgendwie anders geartete Verbindungen zwischen Okra und OKRA gibt, sei einmal dahingestellt. Das neue Album der beiden Experimentalmusiker kann durchaus auch heilende Wirkung auf das akustische Immunsystem einleiten. Auch wenn das musikalische Gemüse an manchen Stellen leicht fremd schmeckt... – klingt, so lohnt sich die konsequente Hörtherapie.

OKRA – unterwegsWenn zwei pirschende Sound-Jäger und -Sammler mit Puschelmikrofon durch Unterholz meadern, dann weiß man auf diesem Album ganz genau wer es ist: Klangkünstler und Pianist auf der Suche nach den ultimativen Geräuschen. Und die kehren in einer Vielzahl und in sehr unterschiedlichen Varianten auf der CD und an unser Ohr zurück. Doch es hat eine Paarung stattgefunden. Der ruhige, manchmal melancholische, oft intensive und verfremdete Klavierklang bietet die Fläche für den kultivierten Anbau von Geräuschen. Wer die beiden Künstler kennt, der weiß längst, dass sie nie in einer Stilschublade zu finden waren und es auch hier nicht sind. Sie bewegen sich in verschiedenen, genreübergreifenden Systemen, die sich gegenseitig beeinflussen, ergänzen und zuweilen auch kritisch beäugen.

OKRA – Piano & Field RecordingsManche Passagen erinnern an Filmmusik, manche haben eine deutliche Nähe zu den Kompositionen von Nils Frahm. Wenn die tiefen Atemgeräusche im Stück „Sweven“ auf Frahms „Familiar“ (Felt) treffen, dann ist das wie das Auffinden eines Bruders (im Geiste).

„Differential“ erklärt einem die Welt aus Sicht eines Automechanikers dessen perfekte amerikanische Werbestimme sich schließlich zusammen mit dem Glockenspiel in einer zu schnellen Tondrehung auflöst. Geräusche reihen sich an Geräusche: „wind in pipe“ (Krafla Volcano, Iceland), an „airconditioner on ferry“ (Atlantic Ocean), an „echo in radardome“ (Berlin) und an „escalator gate“ (Pariser Metro). Doch auch diese Geräusche sind verfremdet wie der „helicopter“ (Rimini) im Stück „The Fourth Way“ und lassen sich ohne das Wissen nicht unbedingt zuordnen oder gar decodieren. Gerade das macht einen Teil des Reizes dieses Albums aus, es erledigt sich nicht mit Antworten und Entschlüsselungen, sondern belässt oder produziert Unkenntlich-gemachtes. Das Piano hat immer sich selbst und diesen vermeintlich fremden Partner an der Seite, der Musik auch mal ganz anders machen darf. Durch die Geräusche verlässt jedes einzelne Stück der CD immer einen konkreten Ort. Nichts ist es mit Konzertsaal oder Bühne in der imaginären Vorstellung während des Hörens. Der Sound verspricht uns die Reise oder besser gesagt, Streifzüge eines Instruments ins Draußen und zurück, an Orte des Unvermuteten. Dabei funktioniert eine Art akustischer Wechsel brillant: mal ist es so, dass das Piano die Geräusche an sich bindet und mal binden die Geräusche das Piano an sich und an einen jeweils anderen Ort. So entsteht eine instrumental-akustische Parität, eine Augenhöhe der beiden Musiker/Klangkünstler.

Selbstredend wird ein derartig ausgeklügeltes, vielsinniges und künstlerisches Album den Massengeschmack nicht bedienen können, doch das innovative und klangliche Potential verdient eine hohe Aufmerksamkeit und häufige Erwähnung.
Darüber hinaus ist die Live-Performance besonders nennenswert – wer also die Gelegenheit hat OKRA live zu erleben, sollte das unbedingt tun. Surround-Sound ist das Stichwort. „Während das Klavier mit den Schritten eines Wanderers und Autoverkehr von vorne eine leichtfüßige Komposition entwickelt“, heißt es im Begleittext: „tropft hinter den Zuhörern der Regen“.
Fein, da wird man nicht nass.

OKRA – Piano & Field Recordings
Oli Kuster (piano, electronics), Rober Aaberhard (field recordings, sounds)
CD und Vinyl
Label: Everest Records
VÖ: 23.9.2016

Hörprobe

YouTube-Videos:
OKRA – Gnad (Teaser)
OKRA – Wayfarer


Abbildungsnachweis:
alle OKRA, Everest Records
CD-Cover

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avatar Gerhard P.
+2
 
 
Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spaß ihre immer sehr individuellen Texte zu lesen.
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