Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 957 Gäste online

Neue Kommentare

Dr. Seán Ó Riain, Irische Botschaft, Wien zu Hamburg vergibt Förderpreise für Literatur und literarische Übersetzungen 2017: Ich gratuliere recht herzlich Frau Gabriele Haefs...
Herby Neubacher zu Weihnachtsoratorium vom Ensemble Resonanz: Frohlocken unter Freunden: Die Geschmacklosigkeit schreckt wirklich heute vo...
Sabine Carbon zu „Karl Marx, Das Kapital“. Eine Hommage im Museum der Arbeit: Bei zu viel Text hilft vielleicht unser Kinderbuc...
Sabine Albrecht zu Neues Angebot der Kunstmeile Hamburg: Der 3-Tage-Kunstmeilenpass: Guten Tag,
ich suche nach einer Erklärun...

B.F.Schwarze zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo, Frau Lampert,
leider gibt es nicht ...


CDs JazzMe

Michael Wollny: Nachtfahrten

Drucken
(169 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 02. November 2015 um 14:48 Uhr
Michael Wollny: Nachtfahrten 4.3 out of 5 based on 169 votes.
Michael Wollny: Nachtfahrten

Und nun? Was mache ich jetzt? Soll ich ebenfalls einstimmen in die Lobeshymnen, die unisono über Michael Wollnys neues Album ausgegossen werden? Oder finde ich wenigstens ein paar klitzekleine Mäusekegel mit denen ich meine Fähigkeiten als solider Kritiker und notorischer Nörgler unter Beweis stellen kann?

Nö! Geht nicht! „Nachtfahrten“ ist einfach ein zu gutes Album, das für kleingeistige Quengeleien noch nicht mal den Hauch einer Angriffsfläche bietet. Klar – an ein paar Nuancen herummäkeln kann man immer. Aber das wird dieser außergewöhnlichen und fast makellosen CD nie und nimmer gerecht. Hier ist die Gratwanderung zwischen eigenem Ton, Stil etc. und innovativen Klangstrukturen reibungslos gelungen. Ein Album wie aus einem Rausch: kraftvoll, dynamisch aber meistens sanft und manchmal auch verspielt – bis hin zur tieftraurigen Melancholie...
Zwielicht, Dämmerung, Morgengrauen – das sind Begriffe die das Schaffen des in Schweinfurt geborenen Pianisten in den letzten Jahren am besten beschreiben. Von seinem „Hexentanz“ (2007) bis zu einem live präsentierten Soundtrack zu Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Nosferatu“ hat sich der seit fast einem Jahrzehnt immer wieder hochdekorierte Musiker nie als Fürst der Finsternis feiern lassen aber oft als Magier des Undurchsichtigen stilisiert. Vielleicht trug auch die Geburt seines ersten Sohnes vor eineinhalb Jahren dazu bei; jedenfalls hat sich Wollny – mittlerweile Musik-Professor in Leipzig – trotz aller musikalischen düsteren Vexierbilder nicht zum Hades-Apostel oder gar dumpfen Gothic-Grufti entwickelt.

 Cover Kat Nr.: ACT 9592-2 Barcode: 614427959225 Am Anfang des neuen Albums stand das Buch „Nachtmeerfahrten“ der Kulturwissenschaftlerin Simone Stölzel – ein essayistisches Konglomerat von Seelenfinsternissen, Gespenstern, Wahnsinn und Weltenbrand in der Romantik, bei Wollny wurde daraus „Nachtfahrten“. Hinzu kamen eine Anthologie von Schauergeschichten, die Peter Handke in den 70er-Jahren zusammengestellt hatte – und der Besuch einer Ausstellung über Schwarze Romantik im Frankfurter Städel-Museum.
Aufgenommen hat der 37-jährige Pianist das Album mit seinem langjährigen Miststreiter, dem Schlagzeuger Eric Schaefer, und dem Bassisten Christian Weber und innerhalb von 48 Stunden in einem abgedunkelten Studio. Doch der Opener ist nicht wirklich düster, sondern eher elegisch! Ein Stück Filmmusik: Angelo Badalementis „Questions in a World of Blue“ aus „Twin Peaks“ von David Lynch. „Ich wollte neon-farbene Nocturnes, machen. Stücke, die leuchten, die Kraft haben“, erklärt Wollny. Von „vergifteten Dur-Akkorden“ fabuliert er. „Dur ist frei nach Hindemith der reinste Werkstoff, den man benutzen kann“, legt er dann noch nach, „wenn man da Dissonanzen einstreut, dann ist das wie Rauschgift – das macht süchtig, man muss es immer wieder hören.“

Vierzehn, zwischen zwei- bis vierminütige, Stücke fügen sich nahtlos zu einer Art Konzeptalbum zusammen, dessen organische und harmonische Konsistenz auch nach mehrmaligem Hören immer noch grell glimmende Funken sprüht. Verblüffend einfach die Bauform der meisten Kompositionen (sieben stammen von Wollny und seiner Band) – vom Hörgenuss jedoch bieten sie ein Maximum an Brillanz und Abwechslungsreichtum.
Ob das nun noch Jazz ist, Avantgarde, Neo-Klassik, Kunstmusik oder Musikkunst – ich weiß es nicht, will es auch gar nicht wissen. Jede einzelne Note, jeder Trommelschlag, jedes Beckensäuseln, jede Bassfigur wirkt als hätten diese Elemente nur genau dahin und nirgend wo anders hin gepasst. Dass Wollny immer wieder bei seinen persönlichen Superstars Keith Jarrett und Brad Mehldau wildert ist nur ein Beleg seiner absoluten Geschmacksicherheit: Dieses merkwürdige aber absolut geschlossen wirkende Durcheinander wirkt wie ein Geniestreich aus Talent, Intuition, Sensibilität und effektivster Technik. Produziert hat ACT-Labelchef Siggi Loch höchst persönlich!

Meistens lässt Wollny ein paar Töne aus seinem Flügel flattern, die wie Raben von E. A. Poe („Metzengerstein“) durch den Äther taumeln, Schaefer grundiert sie sparsam mit einfachsten aber extrem unorthodoxen manchmal schwebenden sich überlagernden Patterns, Webers Basslinien leben vom Weglassen. Unruhiger wird das Album ab Stück Nummer drei: „Der Wanderer“. Fast schon hektisch wirkt Komposition Nummer vier „Motette No.1“ – dann erreicht Wollny mit Nummer fünf „White Moon“ wieder ruhigeres Fahrwasser. Jede Komposition ist ein flamboyantes Kunstwerk, manchmal zerbrechlich, manchmal kraftstrotzend aber immer sensibel, ausdruckstark und ungewöhnlich akzentuiert.

Alleine das Titelstück, das den schaurig schönen Reigen beschließt, geht so heftig unter die Haut, dass nur noch wohliger Schüttelfrost bleibt. Langsamer als die No-Noise-Band Swans in ihren langsamsten Zeiten, düsterer als die Industrial-Avantgardisten Throbbing Christle und trotzdem verspielter als Jacques Loussier – wow! Aber: Rezensenten-Gebrabbel stört nur bei einem solchen Musik-Meilenstein: Begeisterung, Gänsehaut, Dankbarkeit – so schön, so gewaltig so hemmungslos destruktiv und gleichzeitig aufbauend kann Musik sein: Chapeau!!!

Michael Wollny: Nachtfahrten
Label: Act
Kat Nr.: ACT 9592-2
EAN: 614427959225

Videos:
Michael Wollny "Nachtfahrten" EPK
Michael Wollny "Der Wanderer" official video


JazzMe - In Kooperation mit Christoph Forsthoff, Sabine Meinert, Sven Sorgenfrey und Willy Theobald. Weitere CD-Kritiken, Interviews und Informationen aus der Welt des Jazz unter AboutJazz.


Abbildungsnachweis:
Headerfoto Michael Wollny: Act/Jörg Steinmetz
CD-Cover

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > CDs JazzMe > Michael Wollny: Nachtfahrten

Mehr auf KulturPort.De

Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli
 Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli



„Haus bei Haus ist von der gelben Rasse bewohnt, jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen. Die Fenster sind dicht verh [ ... ]



Studio Braun: „Der goldene Handschuh“ im Deutschen Schauspielhaus
 Studio Braun: „Der goldene Handschuh“ im Deutschen Schauspielhaus



Was Kult ist, muss nicht unbedingt gut sein. Heinz Strunk ist Kult und tut alles dafür, dass es so bleibt. Egal, auf welchem Niveau. Sein blutrünstiger Bestsel [ ... ]



Dschungelbuch für Kinder – ganz eng am Original
 Dschungelbuch für Kinder – ganz eng am Original



Das Hamburger Theater für Kinder im Allee Theater, das in dieser Spielzeit seinen 50. Geburtstag feiert, bezaubert mit einer fantastischen Version des „Dschun [ ... ]



„Detroit” – Kathryn Bigelows Blick zurück im Zorn
 „Detroit” – Kathryn Bigelows Blick zurück im Zorn



Furioser Politthriller als Chronik staatlich autorisierter Gewalt.
Detroit, 25. Juli 1967. Hinter der Bühne des legendären Fox-Theatres fiebern Leadsinger Lar [ ... ]



Kopf-Hörer 18
 Kopf-Hörer 18



Alexander M. Wagner ist 22 Jahre jung. Er brilliert bei TYXart mit Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert und präsentiert seine eigene zweite Symphonie. Außerdem  [ ... ]



Andreas Brandhorst: „Das Erwachen“ – Maschinenintelligenz außer Kontrolle
 Andreas Brandhorst: „Das Erwachen“ – Maschinenintelligenz außer Kontrolle



Dieser Thriller hat es in sich. „Das Erwachen“ bestätigt all unsere Ängste und Befürchtungen: Maschinenintelligenz (MI) bemächtigt sich der Künstlichen  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.