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Clemens Meyer – Geschichten aus der Nacht: „Die stillen Trabanten“

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Freitag, den 09. Juni 2017 um 09:46 Uhr
Clemens Meyer – Geschichten aus der Nacht: „Die stillen Trabanten“ 4.1 out of 5 based on 68 votes.
Clemens Meyer – Geschichten aus der Nacht

Mit seinem Roman „Im Stein“ hat Clemens Meyer es als erster deutscher Autor auf die „Longlist des Man Booker International Prize 2017“ geschafft. Dies in der englischen Übersetzung von Katy Derbyshire. Der preisgekrönte, preisverwöhnte und ganz und gar nicht eitle Autor stellte seinen neuen Erzählband „Die stillen Trabanten“ jetzt im Rahmen der Reihe „Grass meets Overbeck“ im Lübecker Grass Haus vor.

So wie Clemens Meyer sind auch seine Figuren in „Die stillen Trabanten“ nur scheinbar vom Typ Rührmichnichtan. Denn gleichzeitig fahren sie alle Antennen aus wie künstliche Trabanten, die unsere Erde umkreisen. Die Menschen in Meyers Geschichten tun dies allerdings, um menschliche Nähe zu erfahren. Meist vergeblich und wenn doch, so nur für kurze Zeit, die meist auch schon länger zurückliegt.
Schon etwas länger zurück liegt auch der erste Besuch von Clemens Meyer in Lübeck. Das war 2013, im Rahmen der Reihe „LiteraTour Nord“. Den Lübecker Bahnhof, hat er ihn damals und heute überhaupt wahrgenommen? Wo doch Bahnhöfe und Bahnhofskneipen auch in seinem neuen Buch eine Rolle spielen? Diese auf die lokale Ebene bezogene Eingangsfrage von Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa beantwortete der Autor ganz global: „Der Bahnhof, das ist für mich ein großes politologisches Motiv. Es ist, als ob die Mauern all das speichern, was dort je stattgefunden hat.“

„Wie schreiben Sie?“, wollte Thomsa wissen und lobte „Die stillen Trabanten“ als „phantastisches Werk“. „Ich brauche immer einen Kern. Die Geschichten müssen fließen.“ Das Schreiben am Roman „Im Stein“ habe ihn viel Kraft gekostet, verriet Meyer. Er wusste nach Fertigstellung, er musste zu Kurzgeschichten zurückkommen. Gut, wenn ein Autor weiß, was gut für ihn ist. Gut, wenn so viel Gutes dabei herauskommt für den Leser.
Was er selbst so gelesen habe? Grass zum Beispiel? Thomas Mann? Ja, schon, die „Buddenbrooks“, die habe er gelesen: „Gut und schön. Aber ich glaube, ich habe das Buch nie zu Ende gelesen.“ Schmunzeln im Publikum. Der „Zauberberg“, der habe ihn allerdings begeistert. Und Günter Grass, was ist mit dessen Büchern? Welche hat Meyer gelesen? Hat er sie gerne gelesen? Vorsichtig mal eben im Grass Haus von dessen Leiter gefragt. Und was antwortet der Autor trocken und leicht verzögert? „Grass, ja, hat man auch gelesen.“ Erneutes Schmunzeln im Publikum, dankbar für den trockenen Humor des Autors, mit dem sich alle rasch anfreunden, was deutlich am Applaus zu messen ist, zwischendurch und auch am Ende der Lesung.

Clemens Meyer COVER„Die stillen Trabanten“, sie sprechen ihre eigene Sprache, aber auch eine gemeinsame Sprache: Es ist die Stimme des Autors, die sie vereint. Die neun Geschichten fließen, nehmen ihren Lauf. Die Leseauszüge, gekonnt, aber ungekünstelt vorgetragen von Clemens Meyer, kommen beim Publikum an. Was die Protagonisten dieses Buches vereint, ist vieles. Der rhythmische Atem beispielsweise, den der Autor ihnen eingehaucht hat. Die tristen Orte ihrer nebulösen Sehnsüchte, nämlich die Leipziger Plattenbauten, sind eine weitere Gemeinsamkeit. Das, obwohl die Menschen in diesen Geschichten nur wenig gemeinsam haben: Ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht, ihr Leid, ihre Suche nach Liebe, Erfüllung, nach einem Platz an der Sonne – und sei`s einer, der wolkenverhangen ist und auch seine Schattenseiten hat.
„Ich will Geschichten schreiben, die leuchten“, sagt Clemens Meyer. Man sollte und muss allerdings genau hinsehen, genau lesen, um das Doppelbödige und Trügerische der Texte immer und überall zu erkennen. „Man muss behutsam und langsam durch diese Geschichten gehen“, empfiehlt uns der Autor, „die Räume ausloten und ganz langsam schauen, Atem holen, dem Rhythmus folgen, die Personen berühren, schieben, sich in sie verlieben und sie wieder gehen lassen... Dann ist plötzlich Glas unter den Füßen, und man weiß, es muss auch was zerschlagen werden.“

Das Buch ist dreigeteilt. Es enthält Miniaturen, Kurzgeschichten und Erzählungen. Stille Trabanten bevölkern die Geschichten. Bahnhofskneipen und Frisiersalons sind traurige Sehnsuchtsräume dieser einsamen, vom Schicksal mehr oder weniger geschlagenen Menschen. Alles was hier geschieht, geschieht im raschen Wechsel: ob gegenwärtig und vergangen, real oder fiktiv - manchmal lässt sich dies für den Leser kaum noch unterscheiden. Manchmal scheint sogar alles gleichzeitig zu geschehen: das Gemeinsame und Trennende, das Humane und Gewalttätige, das Gegenwärtige und das Vergangene. Clemens Meyer erzählt uns Geschichten aus der Nacht. Geschichten, so zerrissen wie unser Leben, unsere Welt. So düster, traurig und trostlos wie das Leben sein kann. Zum Glück für den Leser sind diese Geschichten auch mit zarten und leichten Tönen, Zügen versehen. Dann bieten sie Hoffnungsschimmer, Momente der Ruhe und Schwerelosigkeit.
Worum geht es in diesen Geschichten? Da gibt es einen Lokführer, der die Nachtfahrten liebt, bis ein lachender Mann auf den Schienen steht. Wir lernen einen Wachmann kennen, der seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und sich in die Frau hinter dem Zaun verliebt. Und einen Imbissbudenbesitzer, der am Hochhausfenster steht und auf die leuchtenden Trabanten der Nacht schaut. Clemens Meyer erzählt von einst verlorenen Schlachten, von überwältigenden Wünschen, von noch immer unerfüllten Hoffnungen, von möglicherweise doch noch stillbarer Sehnsucht.
Dabei geht der Autor mit einem Keil ans Werk, der mitten ins Herz trifft. Ein Keil, gekonnt geschnitzt und spitz wie der Pfeil Amors. Ein Keil, der spaltet, der Dämonen besiegt, Liebe ermöglicht, aber auch tötet. Dieser „Spalt“ – so der Titel einer der Erzählungen - zieht sich wie ein Riss durch das aktuelle Buch des Autors, der erstmals 2001 mit einem Literaturpreis, dem MDR Literaturpreis, ausgezeichnet wurde. 2006 erschien dann sein Debütroman „Als wir träumten“. Dieser wurde sogleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Tatsächlich erhalten hat Clemens Meyer den Preis zwei Jahre später für seinen ersten Band mit Erzählungen, für "Die Nacht, die Lichter". Seitdem dauert der Reigen der Auszeichnungen an. Und das ist kein Wunder. Ein Wunder ist allenfalls die große Erzählkunst des Autors, seine bewundernswerte Fähigkeit, Zartheit und Härte, Menschliches und Unmenschliches, Trauer und Wut, Lust und Leid schreibend miteinander zu verbinden.

2008 begründete die Leipziger Buchmesse-Jury die Verleihung des Belletristik-Preises an Clemens Meyer, wie dieser mit „bewundernswerter Knappheit und sprachlicher Eleganz“ menschliche Hoffnungen auslote vor dem Hintergrund radikaler Unerfüllbarkeit. Damals wie heute kreisen Meyers Geschichten um mitleiderregende Figuren am Rande der Gesellschaft, die von Einsamkeit getrieben sind, die immer am Abgrund zwischen Todestrieb und Menschenliebe wanken, aber hoffentlich nicht endgültig zum Scheitern verurteilt sind. Etwas Hoffnung bleibt. Zum Glück.
„Man muss die eigenen Erfahrungen zu Literatur machen, zu Kunst, darin besteht ja gewissermaßen die Kunst“, sagte Clemens Meyer in einem Interview mit der TAZ vom 21. Juni 2006. Was er erzählt, das müsse für ihn lebensweltliche Relevanz haben. Damit es keine Missverständnisse gibt: Recherche ist auch für diesen Schriftsteller unerlässlich. Für seinen Roman „Im Stein“, der 2013 erschienen ist und im selben Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, hat er fünf Jahre recherchiert. Mit diesem Roman schaffte es der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer nun also sogar als erster Deutscher überhaupt auf die „Longlist des Man Booker International Prize 2017“. Dies mit der englischen Übersetzung des Romans von Katy Derbyshire. Seinem englischen Verlag schickte er daraufhin lediglich eine Ein-Wort-Mail: "Wow!"

„Manchmal wusste er nicht mehr, ob er log und log oder ob er Märchen schrieb und aus dunklen Märchen helle machte, oder ob er die neue Zeit mit vorbereitete, so wie er es hoffte.“
Aus Clemens Meyer: "Die stillen Trabanten"

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten
Erzählungen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
ISBN 9783103972641
Gebunden, 272 Seiten, 20,00 EUR


Abbildungsnachweis:
Header: Clemens Meyer (2013, Leipzig) Foto: Gaby Gerster.
Buchumschlag, S. Fischer Verlag

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