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Harry Popow: „Dämmerzeit. Ein Kessel Streitlust“

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Geschrieben von Elke Bauer  -  Mittwoch, den 08. Juni 2016 um 10:06 Uhr
Harry Popow: „Dämmerzeit. Ein Kessel Streitlust“ 4.4 out of 5 based on 73 votes.
Harry Popow: „Dämmerzeit. Ein Kessel Streitlust“

Von vergnüglicher Erkenntnis.
Wer freut sich nicht, wenn es bei ihm dämmert? Wenn ihm menschliche oder erweitert: gesellschaftliche Verhältnisse, plötzlich klarer erkennbar erscheinen? Ihm eine neue oder andere Sicht auf Ereignisse im Umfeld nahegebracht wird oder er sich diese neue Sicht selbst schaffen kann?

Das Vergnügen des Erkennens ist so alt wie das Denken der Menschen selbst „dass ich erkenne, was die Welt in ihrem Innersten zusammen hält" so das literarische Vorbild des Erkenntnis suchenden Menschen. Und zu Erkenntnissen/Denkmöglichkeiten will der Verfasser seine Leser führen. Wobei von ihm nicht die Mittel der gelehrten Abhandlung oder die Umsetzung von philosophischen Lehrsätzen in den Alltag, sondern die Auseinandersetzung der Menschen untereinander gegen die Gleichgültigkeit und den Vorrang aller materiellen Interessen geht.

Er nennt den Untertitel unter Hinweis auf eine beliebte und durchaus nicht niveaulose Fernsehunterhaltung einen Kessel Streitlust. In diesen Kessel Streitlust hat er Meinungen, Erfahrungen und gesellschaftliche Wahrheiten gegen Lügen, Verhetzungen und Manipulationen der wahren ewig Gestrigen gepackt, die für das „was immer war und immer wieder kehrt und morgen gilt, was gestern hat gegolten" stehen. Die Ausführungen würzt er mit der Darstellung von Hintergründen gegenwärtiger Ereignisse, die von den „Machern" gern verschleiert werden sollen, wie eben besonders die sogenannte Friedenspolitik mit verschärfter Waffenproduktion und -export, oder die verschobene Darstellung ökonomischer Verhältnisse.

„Denk mal drüber nach" (Willi Bredel) „Die Väter“ – ist die Aufforderung an seine Leser und Mitmenschen. Es ist Aufforderung und Bitte zugleich, kein kategorischer Imperativ. Um so mehr hat es mich gefreut, an nicht gerade hervorgehobener Stelle, aber immerhin, den Hinweis auf Hessels „Empört Euch" zu finden, denn es geht auch um das Empören in diesem Buch. Der Verfasser will nicht, das „Acedia" menschenbeherrschend wird.

altEr stellt im Kapitel „Lichte Momente", viele Begriffe, die oft gedankenlos, auch im falschen Zusammenhang, gebraucht werden auf den Prüfstand und versucht ihren wahren Sinn freizulegen: Genügsamkeit, Neoliberalismus, Achtsamkeit, nicht entkommen können, Entpolitisierung – sie werden nach der eigentlichen Aussage abgeklopft und können durchaus beim Leser zu einem „Sieh mal an" und „So schlimm hätte ich es mir nicht gedacht" zu einer ersten Erkenntnisstufe führen. So gibt es vieles in diesem Buch, welches bei der gegebenen Ernsthaftigkeit Freude bereitet durch einen, der den Finger auf die Wunde legen und die Gedanken auf den Punkt bringen kann. Das macht er im Aufbegehren gegen heutige Oberflächlichkeit in menschlichen Beziehungen, Kälte, Zurückziehen ins Private - im Gegensatz zu oft nicht oberflächliche Lektüre, die viel zu wenig öffentlich diskutiert werden. Die Ausführungen von Harry Nick, vom Countertenor Jochen Kowalski "...alle fühlen sich frei und jeder geht zum Psychiater" bringen eindringlich gesellschaftliche Fragen auf den Punkt.

Wer dieses Buch liest, dem wird es ähnlich Heinrich Heine ergehen: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht". Das ist die Absicht bei der Veröffentlichung dieses Buches.

Sehr bewegend ist das Kapitel "Netzpfeffer", in dem das drastische Pro und Kontra zu Popows Blog im Netz an Beispielen wiedergegeben werden. Sehr interessant für den mitdenkenden und intelligent urteilenden Leser. Wer gern verinnerlicht sinniert, sollte sich mit den eingebauten Essays befassen und er kann sich freuen über die ebenso kritische, besonders aber für die Menschlichkeit eintretende Haltung des Verfassers („Der Mensch vor dem Supermarkt“). Der Seitenhieb zur Esoterik gehört ebenso zu den Ausführungen wie die sehr ernste Kritik an verschiedensten DDR-Verhältnissen und -erscheinungen.

Ich wollte nur antippen: Das eigentliche Dämmerzeitvergnügen sollte sich jeder selbst verschaffen, kann und müsste. Das Buch ist ein Funkensprühen, sie treffen die mit Brandmalen, die den Turbokapitalismus tolerieren, aber fordern und treffen jene Leser erleuchtend, die sich von den Funken erhellen lassen wollen und – so erhellt –, zum Tätig-Sein kommen.

Harry Popow: „Dämmerzeit. Ein Kessel Streitlust“
epubli-Verlag. Taschenbuch, Format DIN A5, 204 Seiten, ISBN: 978-3-7375-3822-0, Preis: 11,99 Euro, zu bestellen:
http://www.epubli.de/shop/buch/D%C3%84MMERZEIT-Harry-Popow-9783737538220/52205

Elke Bauer, geb. 1939, Bibliothekar an allgemeinbildenden Bibliotheken der DDR/ Fachschule für Bibliothekare Leipzig 1961, Diplomkulturwissenschaftler/Universität Leipzig 1970, Bibliothekar in ltd. Funktion bis 1991, Aufbau einer eigenen Buchhandlung, selbstständige Buchhändlerin 1991 bis 2001, Rentnerin, ab 2011 in München lebend.


Abbildungsnachweis:
Header: Zehdenick. Foto: Privat
Buchumschlag

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