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Die ausradierte Botschaft

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Geschrieben von Harry Popow  -  Mittwoch, den 20. April 2016 um 10:05 Uhr
Die ausradierte Botschaft 4.4 out of 5 based on 49 votes.
Die ausradierte Botschaft

Roman von Frank Witzel: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“
Oh je!!! Was für eine Sprache? Mitunter mutet sie an wie ein sehr einfacher jugendlicher Straßenjargon, gemixt mit banalem Gewäsch aus dem Blickwinkel eines 14-Jährigen.
Dann dies: Seite 9: „...Claudia kramt im Handschuhfach nach einer Waffe. (…) Wo ist denn die Erbsenpistole? Vergessen, aber die Wasserpistole ist echt gut, die hat vorne `nen Ring, da kannste um die Ecke schießen.“ Oder auf Seite 209: „Die Zunge befühlt den schmerzenden Zahn. Das Weltall befühlt die Erde. Der Wind greift einen jungen Apfel aus dem Baum, dreht ihn an seinem Stiel um sich selbst und schleudert ihn auf den Kiesweg. (…) Die Welt ist ein Mosaik aus Tabletten und Pillen und dem Lächeln einer klaffenden Wunde, die sie mit Klammern auseinanderhalten und unter das Mikroskop schieben. Jemand streichelt mein Haar.“ Dann stellt der 14-Jährige auf Seite 281 fest, dass die Tiere in beständiger Flucht die Erde vermessen, zu Land, zu Wasser und in der Luft. Und mit dem Speer fest an den Grund gebunden, entstehen dem Menschen Götter, „um bloßzulegen, was der gefrorene Boden birgt... „Warum glauben wir, Dinge hin und her zu schieben bestimme deren Sinn und unseren?“

Im großen Sack von Emotionen, Abstraktem, fingierten Gesprächen, Momentaufnahmen der Wirklichkeit, religiösen Betrachtungen, formulierten Sehnsüchten und Träumen, Geschichten vom Ich auch Perlen der Sprachkunst wie diese: „Eine kleine Wolke jagt die Straße entlang, spiegelt sich im schwarzen Auto, dann im regennassen Kopfsteinpflaster.“ Und auf Seite 251: „Der späte Nachmittag rutscht immer wieder müde an den gekachelten Wänden der Hinterhöfe ab.“ Seite 385: „Die Fenster der Reihenhäuser starren mit geschwollenen Lidern in den Abend.“

Der Autor Frank Witzel versetzt sich in die Seele eines Teenagers und versucht mit dessen Augen und Herz die Welt zu verstehen. Der heute über 60-Jährige schrieb den Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Es ist ein breit gefächerter kritischer Blick auf die BRD der 60-er Jahre. Also von heute auf damals. Der Autor benutzt den Jugendlichen, um die Empfindlichkeit eines suchenden jungen Menschen in einer Welt des Konsums und der bürgerlichen Einfalt und Aussichtslosigkeit bis in den kleinsten Winkel des Gemüts auszuleuchten. Da fehlt nichts. Weder Politik, Psychologie, Gedankensprünge ohnegleichen, Religion, Gesellschaftskritik, Geschichte, Nazizeit, Spießbürgertum in der BRD und Rebellion durch die RAF. Die Form ist vielfältig: So stehen der wissenschaftliche Exkurs und der philosophische Essay neben dem Fragebogen oder dem Verhör, neben Kurzgeschichten, Träumen, inneren Monologen, Interviews, Reden, Vorreden, Lehrsätzen auch das Theaterstück.

Was sich zwischen diesen 802 Seiten aus dem Blickwinkel des Teenagers hineingemogelt hat, wurde offiziell mit einem „maßlosen Romankonstrukt“ bezeichnet, mit einer Mischung aus Wahn und Witz, mit einem zeitgeschichtlichen Panoramatik, mit einem hybriden Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia. Dafür gab es 2015 den „Deutschen Buchpreis“.

Auch heißt es, der Roman zeige das politische Erwachen der alten BRD und deren Befreiung aus dem Muff der Nachkriegszeit. Dieser Satz wird in keiner Weise dem inhaltlichen Anliegen des Autors gerecht. Wie auch, wenn auch in der Zeit nach dem Jahr 1989 die alte Elite des Kapitals weder etwas mit der ernsthaften Analyse der RAF noch mit den von der DDR aus dem armen Nachkriegsdeutschland gestampften ökonomischen, kulturellen, internationalen und sozialen Erfolgen etwas anzufangen weiß. So wurde der RAF im Jahr 1998 aufgelöst. Seitdem wird vom deutschen Staat die Geschichte im Sinne der politischen Eliten umgeschrieben. Alles wird aus den Köpfen ausradiert, was sich seinerzeit fast 30 Jahre lang unter dem Banner der RAF gegen das herrschende System aufgelehnt hatte.

Trauma der Nachkriegsgeneration
Um so wichtiger dieses Buch. Zumal der Autor keine Möglichkeit in seinen 98 Abschnitten auslässt, dem Trauma der Nachkriegsgeneration unter der Fuchtel von Inflation, steigender Arbeitslosigkeit, zunehmenden Widersprüchen im sozialen Gefüge, Ende des Wirtschaftswunders, Protesten gegen den Vietnamkrieg, atomarer Aufrüstung, Notstandsgesetzen und einer zunehmenden Radikalisierung im öffentlichen Leben sowie der inneren Aufrüstung gegen die Linke mit scharfen Worten und beißender Ironie in die Parade zu fahren: Gegen die Verleugnung von Vergangenheit, von Nazizeit, Kolonialherrschaft und Völkermord. (S. 98) „Aber von einem wirklichen Neuanfang war nie die Rede, und das ist das wirkliche Erbe der Nazis, dass das, was sie verbrochen haben, einfach nicht aufhört, über ihr eigenes Ableben hinauszuwirken.“ Auf Seite 288 berichtet Frank Witzel von einem Gremium des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, dass das Unpolitische in der Haltung von Jugendlichen lobt, „während man umgekehrt den Beitrag der Oberstufler, der sich mit den zwingenden Gesetzen des kapitalistischen Arbeitsmarktes und den Reproduktionsweisen des Schweinestaates auseinandersetzt, als eine `an die niederen Instinkte appelierende Philippika` brandmarkt.“

Frank Witzel - CoverLiest man die 98 Teile des 802 Seiten langen Buches, dann wird einem schnell bewusst: Der Autor versetzt sich in die damalige Zeit und unternimmt in zahllosen Detailaufnahmen den Versuch, die innere Bedrängnis, die seelische Verfasstheit, ja, die kränklich-seelische Situation eines Noch-Nicht-Erwachsenen ins Bild zu setzen. Wie der Jugendliche trotz religiöser Bindungen und trotz Schwierigkeiten in der eigenen Familie – der Vater war gestorben – mit allen Unbilden der gesellschaftlichen Verhältnisse zurechtkam, wie er davon träumt, aus den verwirrenden Fremdeinflüssen durch Schule und Kirche auszubrechen.
Eindeutig geht es dem Autor nicht darum, ein vollständiges Geschichtsbild der 60er Jahre in der BRD zu entwerfen, sondern darum, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln das nervöse Vorwärtstasten in eine ziemlich sinnentleerte Zukunft zu markieren. Dabei wirft er den Blick in alle Richtungen, von der ersten Liebe, über Sexualität, Freundschaften, Kirchenleuten, Geschichte, Architektur, Nachkriegszeit und deren Versäumnisse in der BRD sowie auf die allenthalben gefährliche und verdummende Medienpolitik gegenüber der DDR, die als Zone bezeichnet wird und von der alles Böse komme.
Auf Seite 18 ermahnt der Autor in vordergründig ironischer Weise, das, was man so im geistigen Bereich von den Herrschenden flötet: Man solle gar nicht in den Osten gehen, denn dort müsse man als 14-Jähriger jeden Mittag nach der Schule zur Armee, wo du mit alten russischen Maschinengewehren rumballern musst. Auch darfst du keine langen Haare tragen, und es ist verboten, Musik zu hören. An anderer Stelle schreibt Frank Witzel von Fleckentfernern, die dazu dienen sollten, während der Nachkriegszeit den Nazis gegenseitig Persilscheine auszuschreiben, denn, so der Autor, Sünden seien nun einmal Bestandteil des Weltengangs.

Denkende und aufmüpfige junge Menschen suchen nach Auswegen
Das Buch offenbart ein gesellschaftliches Verhältnis, in dem denkende und aufmüpfige junge Menschen nach Auswegen suchen – zum Beispiel in revolutionären Taten, wie sie die Rote-Armee-Fraktion praktiziert hat. Und so bleibt es auch dem Autor als jungem Menschen nicht verborgen, dass sich politische Unruhe in diesem kapitalistischen Staat breitmacht, auch wenn die Morde der RAF in keiner Weise gut zu heißen waren und sind.

Es stimmt, was auch andere Rezensenten kritisch angemerkt haben, der Autor verliert sich in tausende Details, beobachtet sehr genau, beschreibt und berichtet, vollführt allerdings eine mit scharfer Zunge geführte Gedankenakrobatik bis zum Skurillen, sodass man nicht gewillt ist, seinen Interpretationen der Wirklichkeitsausschnitte in jedem Fall zu folgen. So entstehen vor den Augen der Leser kluge Konstruktionen, manch sehr gute Beobachtung – aber verstehen kann sie offenbar nur der Autor. Mit einem Wort: Vom Anfang dieses umfangreichen Werkes bis zum Ende gibt es keinen inneren Zusammenhang, jeder große oder kleine Textabschnitt lebt und stirbt für sich allein. Das erschwert die Kommunikation zwischen Autor und Lesern. Nicht in jedem Text, aber in den meisten Abschnitten. Erst wenn man es bis zum Ende geschafft hat, die 800 Seiten in der oft akrobatischen und außergewöhnlichen und naturalistischen Schreibart zu durchschauen, geht einem vielleicht ein Licht auf: Der Mensch im Kapitalismus ist schlimm dran, der Jugendliche, der suchende und hoffende – er wird sich spießbürgerlich anpassen müssen. Oder er sehnt sich nach Ausbruch, nach Gewalt, was das Allerschlimmste an Entwürdigung des Menschen durch den Menschen wäre.

Ich bin nicht der Meinung, dass diese raffinierte und spitzfindige Textkonstruktion nur von geübten Leser zu verstehen ist, obwohl viel Verständnis und Liebe zum Wort dazugehören. Sicher, der Autor hat seinen Buchpreis verdientermaßen bekommen, und es scheint, dass sich zahlreiche Leser nach diesem Wälzer gerissen haben – aber Verständnis für die damalige Situation in der BRD mit den Protestbewegungen gegen die herrschende Macht wird wohl kaum aufkommen, schon gar nicht die Erkenntnis, dass junge Menschen, die mehr in der Gesellschaft suchen als nur das Geldverdienen, die keine Arbeit bekommen, die nach Auswegen suchen, nicht Schuld sind an diesem Dilemma und deshalb zu kriminellen Taten getrieben werden. Erst recht unter den Umständen des Jahres 2016, unter den katastrophalen Weltverhältnissen, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich sowie der Osterweiterung der NATO und der zunehmenden Faschisierung – auch im Ergebnis der Flüchtlingsbewegung.

Es scheint, als habe sich der Autor mit diesem großen Werk selbst übertroffen, denn wohl kaum hätte er annehmen können, genau mit diesem Abbild der Wirklichkeit den Nerv der Zeit des Jahres 2016 zu treffen. Und wenn schon die bürgerliche Gesellschaft Westdeutschlands der 60er und 70er Jahre im Visier der RAF und Sympathisanten stand, so erst Recht im Jahre 2016 von zunehmenden Protesten aus allen Bevölkerungsschichten. Dank kommt – wie kann es anders sein - von den Machteliten. Sie würdigen den Autor mit dem „Deutschen Buchpreis“. Doch die eigentliche Botschaft des Romans von Frank Witzel – sie bleibt ausradiert.

Noch einmal ganz von vorn anfangen
Als ich mühevoll das Ende des 802-Seiten–Romans erreicht hatte, las ich auf der Seite 801 folgenden sehr ermutigenden Satz des Autors Frank Witzel: „Ich habe gerade das Gefühl, wir sollten noch einmal ganz von vorn anfangen.“ Auf der folgenden Seite: „Das ist dann wieder die schöne Seele, die in sehnsüchtiger Schwindsucht zerfließt, aber nicht zum Dasein gelangt und nichts in der Welt bewirkt. (…) Und `bewirken`, was war das noch mal?

Frank Witzel: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“
Roman, Format: Kindle Edition, Seitenzahl der Print-Ausgabe: 817 Seiten,
Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (23. Februar 2015),
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l., Sprache: Deutsch, ASIN: B00UJTCEM4
Auch als Hörbuch erhältlich


Hörprobe


Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung am 13.4.2016.


Abbildungsnachweis:
Headercollage: Claus Friede
Buchumschlag

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