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„Vom Ende der Einsamkeit“: Benedict Wells erzählt behutsam vom Nullsummenspiel des Lebens

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Geschrieben von Mirjam Kappes  -  Donnerstag, den 31. März 2016 um 10:02 Uhr
„Vom Ende der Einsamkeit“: Benedict Wells erzählt behutsam vom Nullsummenspiel des Lebens 4.8 out of 5 based on 89 votes.
„Vom Ende der Einsamkeit“: Benedict Wells erzählt behutsam vom Nullsummenspiel des Lebens

Drei Geschwister, konfrontiert mit dem plötzlichen Elterntod, und ihre lebenslange Suche nach dem „Ende der Einsamkeit“: Benedict Wellsʼ neuer Roman handelt vom Überwinden von Verlust und Schuld – und fragt nach dem Anrecht auf Lebensglück.

Wochenlang schon hält sich „Vom Ende der Einsamkeit“ auf der Spiegel-Bestsellerliste und auch Autor Benedict Wells muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Gleich bei seinem erstveröffentlichten Roman „Becks letzter Sommer“ (2008) wurde Wells, damals 24 Jahre alt, als literarisches „Wunderkind“ und „Ausnahmetalent“ gefeiert, was seinen Werken „Spinner“ (2010) und „Fast genial“ (2011) zwar nicht automatisch zum gleichen Erfolg verhalf, aber dem Schaffen des Jungautors nachhaltig populäre wie publizistische Aufmerksamkeit verschaffte. Inzwischen hat Benedict Wells die 30-Jahre-Grenze überschritten, und legt mit „Vom Ende der Einsamkeit“ nun Roman Nummer vier vor, mit bislang noch unerprobt dunklen Tönen.

Ein fataler Autounfall ist es, der das Familienidyll von Jules, Liz und Marty schlagartig zerstört und das behütete Großstadtleben der Geschwister zur Waisen-Existenz im Internat macht. Nach dem tragischen Tod ihrer Eltern werden alle drei Kinder zwar gemeinsam auf dieselbe Lehranstalt geschickt, eine Schicksalsgemeinschaft bildet sich aber nicht zwischen ihnen. Vielmehr driftet jedes der Geschwister in eine andere Richtung ab: Liz, die Älteste, stürzt sich in Sex- und Drogenabenteuer; Marty, das mittlere Kind, verkriecht sich in die Welt von Programmiersprachen und Computerspiele; und Jules, der Jüngste und zugleich unser Ich-Erzähler, flüchtet sich in seine Traumwelten. Gottseidank gibt es da noch die rothaarige Alva, mit der Jules über Literatur diskutieren, Platten hören und wieder zaghaft von der Zukunft träumen kann – und doch kommt alles ganz anders, als Jules es sich erhofft.

Benedict Wells Vom Ende der einsamkeit - BuchumschlagErzählerisch puzzelt sich das Geschehen erst nach und nach zusammen, denn „Vom Ende der Einsamkeit“ entsteht retrospektiv aus der Erinnerung von Jules, der sich gerade im Krankenhaus von einem Motorradunfall erholt. Erst nach und nach kommen die einzelnen Etappen seiner Vergangenheit wieder in ihm hervor, die er dann noch einmal chronologisch vorm geistigen Auge Revue passieren lässt.
„Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt, wie Jules und seine beiden Geschwister auf je eigene Weise versuchen, ihr Leben nach dem Schicksalsschlag zu meistern, wie die drei ganz unterschiedlichen Charaktere in ihren Eigenarten aufeinanderprallen und doch immer wieder zusammenfinden. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist aber auch eine ganz große Liebesgeschichte, eine Ode an den einen wahren Freund und Seelenverwandten. Kitschig wird es in Benedict Wellsʼ Erzählung trotzdem nicht: Denn der Balanceakt zwischen Erfolg und Scheitern ist stets wackelig, und eine Existenz voll Glück und Liebe scheint nie ohne den drohenden Absturz in die nächste Krise möglich zu sein. „Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind […] Man weiß nie wann sie zuschlagen wird“, heißt es im Roman.

Die leitmotivische Frage, nach der Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ ausrichtet, ist, ob dem Mensch nach einer genügend großen Portion Unglück auch wieder etwas Glück zustehe – oder umgekehrt, ob nach allzu viel Gutem im Leben nicht dann doch wieder das nächste Tief kommen müsse. „Nullsummenspiel“ nennt Alva das, eine makabere Rechnung, die sie sich zum Spaß aufstellt, besonders, wenn das Leben wieder mit all seiner Härte über sie hereinbricht. Jules dagegen glaubt nicht recht an dieses Spiel: „Es gibt Leute, die nur Pech haben, die alles, was sie lieben, nach und nach verlieren.“

Tatsächlich sehen wir zu, wie Jules durch die verschiedenen Existenzentwürfe taumelt, ohne wirklich anzukommen. Durch den Tod seiner Eltern komme ihm das Leben so vor wie eine verstellte Weiche, das ihn in ein falsches Leben führt, „ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“ Und dennoch scheint unser Protagonist auch nie endgültig abzustürzen, denn nach einer gescheiterten Fotografenkarriere kommt praktischerweise ein Job bei einem Musiklabel vorbei, wo er junge Bands entdecken darf, bis Jules sich dann doch noch (dank der durch Alva entstehenden Bekanntschaft mit einem weltbekannten Autor) an seine wahre Berufung, die Schriftstellerei, wagt.

Hier zeichnet sich beispielhaft schon die zentrale Schwäche des Romans ab: die dann doch allzu arg ausgewalzten Bohème-Anklänge der Erzählung. Natürlich lesen Jules und Alva als Teenager nicht irgendetwas, sondern Carson McCullers „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ oder „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee; natürlich sprechen später über Sartre oder Kierkegaard. Das spiegelt sich auch in den überdeutlich mediennostalgischen Tönen des Romans wieder: Musik wird auf Schallplatten gehört, geschrieben auf einer Olivetti-Schreibmaschine, und Jules fotografiert analog mit einer Mamiya. Da passt es auch, dass Jules mit Nachnamen „Moreau“ heißt und Alva an einer Stelle ein „Film-noir“-Gesicht erhält. Ja doch! möchte man als Leser rufen, schon verstanden, dass hier die Motivkiste des Intellektuellen ganz schön ausgeplündert worden ist.

Trotzdem driftet der Roman niemals in Gefühlsduselei ab; er nimmt die Trauer, Zweifel und Ängste seiner Figuren ernst. Diese müssen einiges aushalten, denn Wellsʼ Roman verschont nicht, sondern tariert die Waagschalen von Glück und Leiden im Lebensweg der Protagonisten immer wieder neu aus. Dass am Ende der Erzählung noch ein weiterer tragischer Vorfall auf uns wartet, macht das Romangeschehen dann doch im Ganzen einen Ton düsterer, als man erwartet hätte.

Auch wenn einige letzte Erzählstränge in der Luft hängen bleiben (Was hatte es zum Beispiel mit dem geheimnisvollen Brief auf sich, der bei der Kamera des Vaters lag?), lässt sich „Vom Ende der Einsamkeit“ insgesamt gut und zügig durchlesen. Mit einem Silberstreifen Hoffnung schließt die Geschichte letztlich zirkelförmig ab: die Bewältigung von Angst und Einsamkeit gelingt, damit der nächsten Generation neue Zuversicht eingepflanzt werden kann.


Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“
Diogenes Verlag.
368 Seiten,
ISBN 978-3-257-06958-7

YouTube-Video: Benedict Wells liest aus "Vom Ende der Einsamkeit" - Lesung von LovelyBooks.de

Benedict Wells befindet sich zurzeit auf Lesereise. Am 12. April 2016 ist er in Hamburg zu Gast (um 20.30 Uhr in der Buchhandlung Heymann in Eimsbüttel).
Weitere Termine


Abbildungsnachweis:
Header: Benedict Wells. Foto: © Bogenberger / autorenfotos
Buchumschlag Diogenes Verlag

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