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Brücke der Hoffnung

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Geschrieben von Gino Leineweber  -  Montag, den 23. März 2015 um 17:44 Uhr
Brücke der Hoffnung 4.6 out of 5 based on 79 votes.
Den Menschen auf der anderen Seite ist die Bedeutung durchaus bewusst, denn obwohl zu dem Zeitpunkt die Verbindung längst unterbrochen ist, kämpfen sie verzweifelt um den Erhalt der Brücke. Im kleinen Brückenmuseum auf der bosnischen Seite ist die Liebe der Menschen für dieses bedeutsame Bauwerk dokumentiert. Aber auch der Hass derjenigen wird deutlich, die von dieser Liebe nichts verstehen, obwohl doch das Wort Liebe bei ihnen, in deren christlicher Religion, im Begriff ihres höchsten Werts enthalten ist: der Nächstenliebe.

Im Museum zeigen Fotos, wie die Einschüsse nach und nach das grandiose Bauwerk verheeren. Die Kroaten auf dem Berg zeigen kein Mitgefühl, als die Bosniaken weiße Fahnen auf der ruinierten Brücke hissen, um weiteren Beschuss zu verhindern. Schon gar nicht lassen sie sich davon erweichen, dass die Bosniaken verzweifelt alte Autoreifen an die Brückengeländer hängen, um ihr Herzstück zu schützen. Ein letzter Strohhalm, zu dem sie greifen, aber er trägt nicht.

Wir, in der Europäischen Union, haben die Kroaten inzwischen aufgenommen. Zuvor schon die Slowenen. Zwei frühere Staaten Jugoslawiens. Mit Serbien werden inzwischen Beitrittsverhandlungen für die EU geführt. Mit Bosnien-Herzegowina nicht. Wobei der guten Ordnung halber erwähnt werden soll, dass es auch noch kein Beitrittsgesuch gestellt hat. Im Vorfeld gibt es allerdings Hinweise an die bosnische Regierung, dies sei zurzeit auch aussichtlos. Es müssten zuvor bestimmte Verfassungsänderungen vorgenommen werden. Im Falle von Serbien ist dagegen die weiterhin ungeklärte Situation zwischen dem Land und dem Kosovo kein Hinderungsgrund.

Dabei ist Bosnien-Herzegowina, insbesondere mit seiner Hauptstadt, Sarajevo, der Inbegriff eines multikulturellen Miteinanders gewesen. Juden, Christen und Muslime sowie Serben, Kroaten und Bosniaken haben miteinander gelebt und sich nicht weiter um Religionszugehörigkeit oder Ethnien gekümmert. Womöglich entstammt es dem Geist des Ahdnamas des Sultans, der noch fünfhundert Jahre später Menschen und Land erfüllt hat. Leider hat er es aber nicht geschafft, weiter nach Westen in das Bewusstsein derer zu gelangen, die heute beklagen, den islamischen Ländern fehle es an dem, was die christlichen vom Religionsdruck befreit hat: der Aufklärung.

Sultan Mehmet II. überreicht die Ahdnama kurz nach der Eroberung von Bosnien den damals dort lebenden Katholiken. Er erklärt darin:
Ich, Sultan Mehmet-Khan, befehle: Niemandem sei erlaubt, den Katholiken Schaden zuzufügen noch ihren Kirchen. Sie sollen in Frieden in meinem Reich leben. Gewährt denjenigen, die Flüchtlinge wurden Sicherheit. Lasst sie zurückkehren und sich ohne Angst, in allen Ländern meines Reichs, in ihren Klöstern niederlassen. Weder ich noch meine Begleiter oder irgendein Bewohner meines Reichs soll sie verfolgen oder belästigen. Keiner darf sie angreifen, beleidigen oder gefährden; weder ihr Leben noch ihr Eigentum oder das ihrer Kirchen.

Dieser Erlass, unter anderem „im Namen des Schöpfers von Himmel und Erde“, soll solange gelten wie sich die Katholiken folgsam und treu dem Sultan gegenüber verhalten.

Dieses Schriftstück zeigt Unabhängigkeit und Toleranz gegenüber anderen Religionen, Weltanschauungen oder Rassen und schützt die Grundrechte der gerade besiegten Menschen in Bosnien. Somit ist es die älteste mir bekannte Menschenrechtserklärung in der Geschichte.
Ich hatte etwas entdeckt, was ich nicht erwartet hatte. Zudem sind meine Fragen beantwortet worden, wie es in einem Land ist, das mehrheitlich von Menschen bewohnt wird, die Muslime sind. Was ist anders? Ich fahre durch das Land, bewundere seine Naturschönheiten, lasse mich vom städtischen Leben bezaubern und empfinde das Trauma des noch nicht lange zurückliegenden Kriegs. Die Antworten sind: Alles und nichts ist anders. Alles, weil es ein anderes Land ist und Nichts, weil die Menschen dort weder andere Wünsche und Träume noch Ängste und Befürchtungen haben. Das gilt generell. Im Einzelnen ist jeder Mensch ein Individuum, womit ich alle Andersartigkeit schon in meiner unmittelbaren Umgebung finde. Deswegen bräuchte ich nicht zu reisen. Aber vielleicht bewirkt Reisen den entscheidenden Unterschied zum Begreifen. Wenn ich auch vieles erwartet hatte damals, einen Text wie den Erlass von Sultan Mehmed nicht.

Der Krieg. Das ist natürlich auch etwas, was ich wissen will. Wie hat er sich ausgewirkt? Ich erwarte Antworten, und ich finde in der Tat eine Menge davon. Die Ursache für den Krieg allerdings liegen, heute nicht selbstverständlich, nicht in der Religion oder unterschiedlichen Religionen begründet. Es gibt eine lange Ursachenforschung aus der heraus die Schlussfolgerung erlaubt ist, dass es reine Gier war. Gier nach Land, Eroberung, Macht, Vorherrschaft auf dem Balkan. Dabei schreckt man auch vor Massenmorden nicht zurück, die einem Völkermord nahe kommen.

Verantwortung und Schuld. Die vorstehende Erkenntnis bedeutet allerdings nicht, dass sich die Religionen aus dem Konflikt herausgehalten hätten, und noch viel weniger heißt es, die religiösen Einflüsse in der gegenseitigen Ablehnung hätten sich nach dem Krieg wieder aufgelöst. Die inneren Wunden, jedenfalls ist das mein Eindruck aus nunmehr einigen Besuchen in Bosnien, werden noch lange das Leben beeinflussen. Die äußeren dagegen sind kaum noch sichtbar. Sie sind relativ schnell geschlossen worden.

Wie auch in Počitelj, einer alten Karawanserei, in der die Händler einst ihre Waren tauschten. Dort, auf einem Berghang erhebt sich eine Moschee, die, wie der Imam erzählt, in einer der klassischen bosnischen Moschee-Bauweisen ausschließlich aus Stein erbaut ist. Solche Moscheen, von denen es ungefähr vierzig in Bosnien geben soll, mit einer großen Kuppel und zwei Minaretten, sind zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert entstanden. Vor der Moschee in Počitelj sehe ich Bilder, die von der Zerstörung der Moschee durch kroatische Truppen zeugen. Schon wieder Bilder. Erst in Mostar, nun in Počitelj.

So wird die Zerstörung in der Erinnerung bleiben. Damit sie Geschichte wird, muss über sie erzählt werden, wieder und immer wieder. So war es schon immer. Früher wurde gesungen, heute werden Bilder gezeigt. Bei den Troubadouren gingen die Erinnerungen allerdings häufig durcheinander, und was gesungen wurde, war meist schon aus zweiter oder dritter Hand. Auf den Fotos wird es nichts Falsches geben. Sie zeigen die Realität. Dennoch wird sich durch sie unser Blick auf die Geschichte, die noch nie die Realität widerspiegelte, nicht verändern. Ein Kroate, der die Bilder betrachtet, wird sie anders wahrnehmen als ich es tue, und ein Bosniake wiederum anders. Der Imam sieht zwar dasselbe wie ich, aber unsere Wahrnehmungen sind nicht dieselben. Ich kann das Ausmaß der Zerstörung, als ich es auf den Fotos dokumentiert sehe, kaum glauben, denn die schöne Moschee, vor der ich stehe, zeigt keine Kriegseinwirkungen mehr.

Wie gesagt, die sichtbaren Wunden können schnell geschlossen werden. Bei den unsichtbaren ist es anders, und ich meine nicht nur die inneren Verletzungen der einzelnen Menschen, sondern auch, dass, wie hier in Počitelj, viele, vor allem junge, Menschen während des Krieges geflüchtet sind, und der Ort immer noch nicht wieder die Einwohnerzahl erreicht hat, wie vor dem Krieg.

Es ist Unheil, was beim Betrachten der Bilder aufscheint, mehr noch als in Mostar. Dort ist es Ignoranz über die Bedeutung eines Symbols gewesen. Hier, was ist es hier? Die Zerstörung mag vielleicht denselben Grund haben aber vielleicht auch einen anderen. Sie erscheint als blinde Gewalt gegen ein Gebäude. Es ist schwierig, dabei auf den Grund zu schauen, von dem aus sich das Handeln erhebt. War es schon von Anbeginn Unheil oder hat es sich erst dazu entwickelt? Ohne Antwort auf die Frage aber, kann das Unheil nicht überwunden werden. Wie der Hebel einen festen Punkt, von dem aus er wirkt, benötigt, muss man, um Unheil zu vermeiden, seine Ursache kennen. Die Bilder zeigen eine zerstörte Moschee, aber zur Geschichte wird nur das Unheil werden.

Der Imam der Moschee ist ein liebeswürdiger Herr, der sich meinen und den Fragen meiner Schriftstellerkollegen immer gern stellt. Bei meinem ersten Besuch habe ich mich für die Moschee und den zurückliegenden Krieg in Bosnien interessiert. Bei meinem zweiten spreche ich ihn aber auch auf die religiös bedingten Kriege und Konflikte an, mit denen wir in der Welt von heute zu leben haben. Was er mir zur Antwort gibt, ist so simpel wie die Wahrheit nur sein kann: Konflikte haben keine Dauer. Sie entstehen aus der Unbedachtsamkeit der Menschen, die sie verursachen.
Mir fallen sofort die Drei Daseinsmerkmale des Buddhismus ein, einer davon ist: Anicca (Vergänglichkeit) . Der Logik nach muss es so sein, dass, wenn alles unbeständig ist, es auch der Konflikt ist. Meine nächste Frage hätte ich sowieso stellen wollen, auch wenn mich seine vorherige Antwort nicht an die buddhistische Lehre erinnert hätte. Doch nun stelle ich sie vor der merkwürdigen Duplizität der Ereignisse, nämlich dass Buddha Gautama oder seine Lehre sich erneut in die Erfahrungen mischen, die ich mit der islamischen Lehre oder zumindest Teilen davon erlebt habe.
Das erste Mal, geschieht dies im Frühjahr 2010, in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Ich gehe mit Kollegen an einem sitzungsfreien Nachmittag ins dortige Heritage-Museum. Gleich hinter dem Eingang treffen wir auf ein großes Wandgemälde mit einer Reihe von Porträts und der Überschrift „Land of Wisdom“ (Land der Weisheit). Das erwartet man doch eher in Athen, denke ich kurz, aber tatsächlich erschien mir das nicht besonders merkwürdig. Auch wenn statt Weisheit heutzutage, Sicherheit das wichtigste Gut in dem Land zu sein schien, wie ich nicht zuletzt an dem Hotel, in dem ich untergebracht bin, feststelle. Es gleicht einer Festung, um die Gäste vor Terroranschlägen zu schützen. Aber warum soll nicht Pakistan weise Meister hervorgebracht haben? Ich halte mich dort auf, weil ich auf einer Konferenz zum Thema Sufism and Peace (Sufismus und Frieden) sprechen durfte. Die Porträts auf dem Gemälde, auf das ich im Museum zutrete, zeigen die Begründer und Protagonisten des Sufismus, einer Strömung des Islam, der, wie ich erfahre, die Mehrheit der pakistanischen Muslime sich zugehörig fühlt. Diese großen Meister auf dem Bild gruppieren sich um einen anderen Meister in der Mitte des Gemäldes: Buddha Gautama. Das allerdings erscheint mir merkwürdig.
Nach diesem ersten nur kurzen Aufenthalt komme ich bei meinem zweiten Besuch, zu einer weiteren Konferenz in Pakistan, dieses Mal nach Lahore, und bleibe eine zusätzliche Woche dort. Denn ich meine, das Land hat es verdient, sich näher mit ihm zu beschäftigen, und ich erfahre, dass ich mich nicht täusche. In meinem Leben habe ich noch niemals eine solche Gastfreundschaft erlebt, wie in der Woche nach der Konferenz in Lahore.

Auch dort, in der Stadt und dem Land, die von Terroranschlägen überzogen werden, habe ich gelernt, was die Wahrnehmungen mit uns machen. Denn, was ich vom Befreiungskampf und der Unabhängigkeit des indischen Subkontinents gewusst habe, ist geprägt von westlicher Sicht und Denkweise. Gandhi, wer würde ihn nicht kennen? Wer bewunderte ihn nicht? Ich auch, und das hat sich auch nicht geändert. Aber, auf dem indischen Subkontinent wurden 1947 zwei Staaten in die Unabhängigkeit von Großbritannien entlassen, und neben Gandhi hat auch der Führer der muslimischen Bevölkerung der britischen Kolonie Muhammad Ali Jinnah für die Unabhängigkeit gekämpft, und er wird natürlich in den Geschichtsbüchern Pakistans mehr gefeiert als Gandhi. Jinnah gilt als der Begründer Pakistans. Aber davon wissen wir im Westen nichts beziehungsweise es ist uns nicht bewusst. Ich habe jedenfalls seinen Namen, der in Pakistan allgegenwärtig ist, vorher noch nie gehört. Von Gandhi dagegen weiß ich (fast) alles.

Islamabad, eine erst in den 1960iger Jahren des letzten Jahrhunderts gegründete Regierungsstadt, liegt in einer Gegend, die in der buddhistischen Geschichte eine große Rolle spielt. Schon aus geografischen Gründen ist es deshalb nicht ungewöhnlich, dass Buddha Gautama auf dem Gemälde gezeigt wird. In der Nähe von Islamabad nämlich hat einst König Akosha residiert, und neben einem sufistischen befindet sich dort auch heute noch ein buddhistischer Tempel. Jedem, der sich mit dem Buddhismus beschäftigt, ist der Name Akosha ein Begriff. Er ist es gewesen, der seinerzeit für die Verbreitung der Lehre des Buddha gesorgt hat, und es ist kein Zufall, dass, viele Jahrhunderte später, nachdem der Islam in diesen Teil der Welt gedrungen ist, eine andere Lehre ihre Verbreitung findet, die des Sufismus. Man kann ihn knapp als den mystischen Teil des Islam zusammenfassen. Zwischen ihm und der Lehre Buddhas gibt es evidente Gemeinsamkeiten.

Ob der Imam in Počitelj bei seiner weisen Aussage auf die buddhistische Lehre, den Sufismus oder womöglich den griechischen Philosophen Heraklit, mit seinem berühmten Ausspruch panta rhei (alles fließt) zurückgegriffen hat, weiß ich nicht. Es könnte der griechische Einfluss sein, denn der Imam hat in Belgrad, Athen und Kairo studiert und unter anderem griechische Philosophie. Oder es ist vielleicht doch ein sufistischer Einfluss? Ich habe den Imam nicht danach gefragt, obwohl es mich interessiert hätte, ob er womöglich ein Sufi-Anhänger ist. Aber ich finde, es hätte sich nicht gehört, ihn das zu fragen. Wonach ich ihn gefragt habe, ist, wie es seiner Meinung nach sein könne, dass sich, in einem muslimischen Museum in Islamabad, Buddha Gautama auf einer Ahnentafel großer Meister des Sufismus befindet. Die Antwort des Imam ist im übertragenen Sinn: ‚Warum nicht’ und wörtlich: „Buddha hatte den Weg zum Sufismus in sich und der Buddhismus hat großen Einfluss auf den Sufismus.“

Das Kloster an der Vrelo Bune, das nach der Eroberung Bosniens durch das Osmanische Reich gegründet wurde, ist im Übrigen ein Sufi-Kloster. Ein Kloster der Liebe, denn das ist der Kern des Sufismus. Die Liebe zu Gott, die in mystischer Form der Liebe zur Weisheit, der Philosophie, entspricht. Sie ist das zentrale Anliegen der Sufis. Von den religiösen Fanatikern im Islam werden sie abgelehnt. Deren Anliegen ist nicht die Liebe, sondern der Gehorsam zu Gott, und den fühlen sie in der Liebe nicht ausreichend berücksichtigt.

Sie tolerieren die Sufis auch nicht, sondern bekämpfen sie. So haben sich in den letzten Jahren die schrecklichsten Terroranschläge in Pakistan gegen Sufi-Tempel gerichtet. Am 1. Juli 2010 traf es in der historischen Walled City von Lahore einen der ältesten Sufi-Schreine Asiens, Data Darbar. Bei dem Anschlag waren mehr als fünfzig Todesopfer und über zweihundert Schwerverletzte zu beklagen.

Auf dem großen marmornen Platz vor dem Schrein treffen sich die Gläubigen. Eine große grüne Kuppel, auf der sich Hunderte Tauben wohlfühlen, überwölbt das Gebäude, in dem sich die Überreste eines Sufi-Heiligen aus dem 11. Jahrhundert befinden. In den Abendstunden verleiht das strahlend grüne Licht der Kuppel der gesamten Szenerie eine geheimnisvolle, mystische Atmosphäre. Hier sind früher die Armen gespeist worden und in den Abenden ist spiritueller Sufi-Tanz zu sehen und Gesang zu hören gewesen und jeder hat ungehindert den heiligen Schrein zum Gebet aufsuchen können. Das ist nach dem Terroranschlag vorbei.

Den Schrein kann man heute nur noch betreten, nachdem strenge Sicherheitskontrollen überwunden sind. Nicht nur wir im Westen, auch wenn wir von unseren Medien den Eindruck vermittelt bekommen, haben nach Terroranschlägen Behinderungen und Erschwernisse im täglichen Leben hinzunehmen. Wenn wir von islamistischen Anschlägen heimgesucht werden, sind wir zu Recht zutiefst betroffen. Die Trauer mit den Angehörigen, Freunden und Landsleuten der Opfer ist nicht nur als Trost für sie, sondern, durch das selbstverständliche Mitgefühl, auch als Trost für uns selbst zu verstehen. Es schützt vor übergroßer Verzweiflung und falschen Reaktionen. Aber nicht vor einseitiger Beurteilung. Jedenfalls dann nicht, wenn wir nicht gewahr werden, dass sich die meisten islamistischen Terroranschläge nicht gegen uns, nicht gegen Christen, nicht gegen den Westen, sondern gegen sich selbst, gegen Muslime, richten. Hier verlieren wir viel von unserem Mitgefühl, weil es sich in der Ferne ereignet und kaum eine Meldung in unseren Medien wert ist.

Menschen, die islamistische Anschläge fürchten, und besonders diejenigen, die alle Muslime unter Generalverdacht stellen und ablehnen, würden ihre Einstellung ändern, wenn ihnen bewusst wäre, dass die von ihnen abgelehnten Menschen selbst Opfer sind, und das nicht nur, sondern gerade weil sie Muslime sind.

In unserer heutigen aufgebrachten Zeit mag es hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, dass es auch im Islam geistige Errungenschaften gibt. Dass er nicht nur aus Strömungen besteht, in denen das Glück im Jenseits ein Martyrium im Diesseits kostet. In Bosnien zeigt ein muslimischer Herrscher Andersgläubigen gegenüber Toleranz und Umsicht, zu einer Zeit, als West- und Mitteleuropa von der „Heiligen“ Inquisition geprägt ist und die dogmatische Katholische Kirche gerade erst mit ihren Hexenprozessen und -verbrennungen beginnt. Im Übrigen verlangten die von den christlichen Spaniern vertriebenen muslimischen Mauren zuvor, während ihrer Herrschaft über Andersgläubige, nicht, dass Christen oder Juden sich bekehren. Sie erwarteten dafür, dass ihre Herrschaft anerkannt wird. Dies zeigt, dass die Ahdnama des Sultans in Bosnien nicht das Werk eines einzelnen toleranten Herrschers war, sondern durchaus im Einklang stand mit jener grundsätzlichen Toleranz die auch im maurischen Spanien zu blühenden Wissenschaften und kultureller Vielfalt geführt hatte.

Der Imam in Počitelj sagt: Konflikte dauern nicht ewig. Ich glaube daran, dass es wahr ist, und in dieser Erkenntnis liegt Hoffnung. Im Herzen von Sarajevo befinden sich von Alters her eine Moschee gegenüber einer Orthodoxen Kirche und einer Katholischen Kathedrale und einer jüdischen Synagoge. Ein Platz der Religionen ohne Grenzen, von dem aus Brücken geschlagen werden können zu den Unbeständigkeiten der Konflikte.

In Bosnien haben Brücken immer eine bedeutende Rolle gespielt. Die Brücke über die Drina, die als Verbindung zwischen dem Osmanischen Reich und Bosnien-Herzegowina gebaut wurde, und der Ivo Andrić literarisch ein Denkmal gesetzt hat, genauso wie Stari Most, die Brücke über die Neretva in Mostar, die seit Alters her auch als symbolische Brücke zwischen Orient und Okzident gilt. Möge es dem kleinen Bosnien-Herzegowina vergönnt sein, selbst die Funktion einer Brücke übernehmen und, im Geist der Ahdnama von Sultan Mehmet II., die Gegensätze zwischen den Welten des Islam und des Christentums, zwischen West und Ost überwinden.

Brücke der Freiheit, Hrsg. Emina Čabaravdić-Kamber und Uwe Friesel, Verlag Expeditionen, 2014. Weitere Veröffentlichung als Hardcover-Buch Ende April 2015 beim Verlag Das Bosnische Wort.

Gino Leineweber wurde 1944 in Hamburg geboren und arbeitet als freier Schriftsteller und Herausgeber. 2000 bis 2008 Redakteur der Buddhistischen Monatsblätter (BM). 2003-2015 Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung. Seit 2013 President of TSWTC (Three Seas Writers’ and Translators’ Council).


Abbildungsnachweis:
Header: Gino Leineweber. Foto: privat
Buch-Cover

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