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„Die Stadt, das Land, die Welt verändern!“ – Ein Buch über die Kölner 68er

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Geschrieben von Harry Popow  -  Dienstag, den 10. Februar 2015 um 14:01 Uhr
„Die Stadt, das Land, die Welt verändern!“ – Ein Buch über die Kölner 68er 4.6 out of 5 based on 94 votes.
Aufbruch vor dem Umbruch

Aufbruch vor dem Umbruch.
Man bezeichnet die Revolte von 1968 als Bruch in der jungen Geschichte der Bundesrepublik. Da hatte sich Widerstand gegen Staat und Gesellschaft – vorwiegend in lokalen Bereichen – durchgesetzt. Da wurden Erfahrungen gesammelt in linksradikalen, sozialistischen, sozialdemokratischen, kommunistischen, anarchistischen, trotzkistischen, autonomen, grünen und alternativen Kontexten. Was bleibt davon nutzbar für die heutige Zeit im Jahre 2015?

Leben wir denn nicht nach wie vor in Umbruchzeiten? Fragwürdige Osterweiterung der NATO? Antikriegsproteste? Pegida und Gegenwehr? Politische Demonstrationen, Racheakte und Schüsse? Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich? Politverdrossenheit? Und keiner der Oberen steht für eine gründliche Ursachenforschung! Es ist so: Wir leben in einer Zeit zunehmender Konflikte und Zusammenstöße. Lebensgefährlich mitunter. Rechte Strömungen und Fremdenfeindlichkeit im Vormarsch? Zu Recht fragt Andreas Peglau im online-„Blättchen“ vom 5. Januar, ob sich seit oder trotz der 68er Bewegung nichts geändert habe. Nach wie vor ordne sich der gesamte BRD-Staatsapparat autoritär „unter Konzerne und Banken sowie unter das imperiale Streben der USA“.

Ohne Wenn und Aber: Heutzutage weht wieder ein scharfer Wind zwischen den unterschiedlichen weltweiten Interessengruppen. Bleibt also zu fragen: Welches Fazit lässt sich aus dem Damals für die heutige Klassenauseinandersetzung ziehen? Geben uns die Revoltierenden Handhabbares in die Hand? Oder sind deren Erfahrungen und Erkenntnisse für die Katz? Auf diese Fragen hält das über 627-seitige Buch der Herausgeber Rainer Schmidt, Anna Schulz und Pui von Schwind mit dem Titel „Die Stadt, das Land, die Welt verändern! Die 70er/80er Jahre in Köln – alternativ, links, radikal. autonom“ für politisch und geschichtlich interessierte Leser Nachdenkenswertes bereit. „Höchste Zeit für dieses Resümee!“ meint Günter Wallraff in seinem Grußwort für dieses Buch.

Zunächst: Hut ab vor jeglichen in Westdeutschland erfolgten tatkräftigen Schritten, das System umzustülpen, lokal als auch insgesamt. Das Buch gliedert sich in zwanzig Kapitel zu solchen übergeordneten Themen wie Außerparlamentarische Opposition, Basisgruppen an den Unis, Globalisierungskritik, Medienkritik, Bildung und Erziehung, Friedens- und Antikriegsbewegung, Ökologie-Bewegung, Antifaschismus und Antirassismus, um nur einige zu nennen. Diesen Schwerpunkten sind 125 Augenzeugenberichte zugeordnet. Es seien subjektive Darstellungen mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Schlussfolgerungen, so die Herausgeber. Es gelte, aus dieser Vielfalt von Erzähltem aus dem Alltag und dem politischen Widerstand gegen Politik, Staat und Gesellschaft Brauchbares für die Gegenwart herauszufiltern,

altMit Hochachtung liest man, mit wie viel Mühe und Ehrlichkeit die einstigen Akteure und Mitmacher ihre Erlebnisse und Erfahrungen den heutigen Lesern vermitteln. Facettenreich berichten sie über die organisatorischen und inhaltlichen Klimmzüge – ob in Universitäten oder in der eigenen Stadt oder im Betrieb – gegen autoritäre Strukturen und gegen politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Manchmal erfolgreich, oft genug aber auch ausgebremst, Niederlagen einsteckend.

In erster Instanz sind es die äußeren politischen und gesellschaftlichen Anlässe, die die Akteure in den Sozialen Bewegungen und Initiativen hellhörig werden lassen und politisieren. So der Vietnamkrieg, der Putsch in Chile, die Konflikte zwischen Israel und Palästina, die Notstandsgesetze, die Apartheid sowie unter anderem der NATO-Doppelbeschluss. Aber auch die Widersprüche zwischen Arm und Reich, die Berufsverbote, die vielfache Unterdrückung der Frauen, der Kampf gegen Miethaie und u.a. gegen die Hochschulmisere.

Vor dem Hintergrund der Systemauseinandersetzung zwischen imperialistischem und sozialistischem Lager vor 1989 geht es den Widerständlern inhaltlich vor allem um die Überwindung des kapitalistischen Systems, wobei sich zahlreiche fortschrittliche Intellektuelle aus der Jugend- und Studentenbewegung sowohl am Marxismus orientierten als auch am Beispiel des Aufbaus des Sozialismus im sozialistischen Lager. Als stabile Partei mit klaren inhaltlichen Vorgaben, so die Autoren, erwies sich dabei die DKP. Streitpunkte gab es in den einzelnen Initiativen, Bündnissen und Gemeinschaften nicht selten mit illusorischen Ansichten, als stünde zum Beispiel mit den Befreiungsbewegungen in den verschiedenen Ländern bereits die Weltrevolution vor der Tür. Streit gab es in der politischen Haltung zur NATO, zum Problem des staatsmonopolistischen Kapitalismus und zu neuen Widersprüchen im Umgang mit der Umwelt, zur Ökologie und zur Natur.

Angestoßen und abgestoßen von den Unwägbarkeiten in dieser angeblichen bundesrepublikanischen demokratischen Republik entstanden unzählige Formen der Gegenwehr. So die Ostermärsche, Demonstrationen, Flugblattaktionen, Nachtgebete, Diskussionsrunden, Kasernenbelagerungen, Kontokündigungskampagnen, Regelanfragen beim Verfassungsschutz, Herstellung von Broschüren, Kriegsdienstverweigerungen, Raumbesetzungen, Lesben- und Schwulenbewegungen, Umweltbewegungen und viele andere mehr. Sie seien stets die Wiege für weitere soziale Bewegungen gewesen. So lesen wir auf Seite 488: „Die Ökologiebewegung, der Anti-AKW-Widerstand sind eine originäre Entwicklung der 70er/80er Jahre. Und im Falle des Atomausstiegs ein Beispiel dafür, wie ein Protest der Minderheit zur gesellschaftlichen Mehrheitsposition werden kann.“

So erfolgreich auch lokale Initiativen – auch mit Langzeitwirkung – sein können, es bleibt stets der Grundwiderspruch zwischen dem kapitalistischen Staat, seinen Medien und dem Volk. In nahezu allen Augenzeugenberichten wird deutlich, dass lokale Kampferfolge notwendig und richtig sind und viele Mitstreiter motivieren können, aber sie ändern kaum etwas an der Diktatur des Geldes und der Gesetzgebung des kapitalistischen Staates. Wenn sogenannte Sicherheitsinteressen berührt werden, dann wird die Opposition mundtot gemacht oder gar kriminalisiert. Staat und Beamte „handeln immer rechtens“, so formulieren es die Herausgeber auf Seite 75. Einzelkämpfer mit Einzelaktionen jucken die Herrschaften keineswegs.

Soziale Proteste zerschellen leider nicht nur an der hartnäckigen Gegenwehr durch die Obrigkeit, sondern nicht selten an den zersplitterten Meinungen innerhalb der Gruppen, Bündnisse und Parteien. So drohte der SPD-Vorstand den Jungsozialisten mit Rauswurf aus der Partei, wenn sie sich weiter im „Komitee für Frieden und Abrüstung“ beteiligten. Auffallend das Einknicken von Akteuren durch mangelnde Erfolge oder durch grobe Uneinigkeit in inhaltlichen Fragen, besonders wenn es um das eindeutige Bekenntnis zum Sozialismus geht. Manche Gruppierungen hätten auch zu wenig „Biss“ gehabt oder forderten Utopien, indem sie Einheitslöhne für alle oder gar die Vier-Tage-Woche forderten. Oft liest man ähnliche Sätze wie diesen auf Seite 139: „Eine inhaltliche Auseinandersetzung fand zu keinem Zeitpunkt statt“. Einigkeit kam auch dort nicht auf, wo der Glaube vorherrschte, man könne zum Beispiel durch eine veränderte Erziehung die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. Wer viel erlebt, muss noch lange nicht zu richtigen Erkenntnissen kommen, das offenbart sich in zahlreichen Beiträgen der Autoren. Dazu die Herausgeber auf Seite 286: „Aus der Negation des Selbsterlebten ergab sich jedoch noch keine positive Alternative“. So ist es nicht verwunderlich, dass man selbst bei gemeinsamen Friedenswochen zwar Dispute führte, aber ansonsten gehe „man getrennte Wege.“ Uneinigkeit zeigten Bürgerrechtler und Linke auch bei der Einschätzung der Lage nach 1989, als vor einer Bedrohung durch das größere Deutschland gewarnt wurde.

Was bleibt von der 68er-Aufbruch-Bewegung? Stricken und beten? Nur Impulse geben und Zeichen setzen? Sich beugen oder aufrecht bleiben? Dem Kapital verfügbar bleiben, sich anpassen und lediglich die Faust in der Tasche ballen? Unbestritten: Nach der Toröffnung nach Osten hat das deutsche Kapital als Vasall der USA Morgenluft gewittert und dehnt sich aus. Was tun? Man muss den 68ern zustimmen, wenn sie die profitorientierte Verkommenheit „von Staat und Gesellschaft der BRD (oder kurz des `Schweinesystems´)“ anprangern.

Die Augenzeugenberichte bieten Stoff für eine gründliche wissenschaftliche Analyse, auf der eine ebenso verallgemeinerungswürdige Synthese aufbauen sollte. Dann werden auch die zahlreichen systemkritischen Initiativen der 68er – mit Erfolgen, Teilerfolgen und Niederlagen – für die heutigen Verhältnisse deutlicher abzuleiten sein. Sie haben mit die Basis gelegt für eine mehr oder weniger stets anschwellende Friedensbewegung, gegen NATO-Osterweiterung und Krieg. In der Spur der 68er zu bleiben, gebietet, „...dass Millionen auf die Straße gingen, alle, die intellektuell oder intuitiv begriffen haben, worum es geht: Um die Bewahrung des akut gefährdeten Friedens.“ So der Autor des Buches mit dem Titel „Die Eroberung Europas durch die USA“ (Siehe Beitrag „Nein zu Krieg und Konfrontation“ von Wolfgang Bittner in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 28.01.2015.) Der Umbruch steht also noch aus.

Wolfgang Bittner ist Jurist und Schriftsteller. Eine Erstveröffentlichung dieses Artikels gab es vergangene Woche bei www.hintergrund.de. Kürzlich erschien sein Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“. Eine Rezension finden Sie in der NRhZ.

„Die Stadt, das Land, die Welt verändern! Die 70er/80er Jahre in Köln – alternativ, links, radikal, autonom“
Herausgeber: Reiner Schmidt, Anne Schulz und Pui von Schwind,
Taschenbuch: 627 Seiten, Verlag: KiWi-Köln (4. Dezember 2014)
ISBN-10: 3462038400, ISBN-13: 978-3462038408
Preis: 29,99 Euro


Abbildungsnachweis:
Header: Klön, Hohe Straße 1968. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F026549-0005 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA
Buchumschlag

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