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Die Ornamente des Asger Jorn

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Mittwoch, den 04. Februar 2015 um 14:42 Uhr
Die Ornamente des Asger Jorn 4.6 out of 5 based on 103 votes.
Die Ornamente des Asger Jorn

Das Buch des Lacan-Übersetzers Norbert Haas widmet sich Leben und Werk des dänischen Avantgardisten Asgar Jorn.
„Doch ein Unerkanntes, ein in seiner Lebenszeit nicht auflösbarer Bildrest, sollte ihm bis zu letzt bleiben.“ Es ist dieser „nicht auflösbare Bildrest“ im Werk des dänischen Avantgardisten Asger Jorn, dem der Autor in seiner jüngst im Schweizer Nimbus-Verlag erschienenen Monografie „Forver Jorn“ nachspürt.

Und wie im Gegenstand seines Interesses bleibt auch im Text ein Moment des Unerkannten, des wohl auch Unerkennbaren, wie es Merkmal und Kern jeder Kunst ist. Jeder? Vielleicht. Sicher aber jedenfalls der Kunst, für die Jorn steht. Zeichen, fasst der von Haas zustimmend zitierte belgische Anthropologe Luc de Heusch Jorns Position zusammen, Zeichen „verändern sich, bewegen sich frei im Raum“, und Menschen „messen ihnen verschiedene Bedeutungen zu“.

Forever JornDieses Moment der „freien Bewegung“ zu erfassen, bedarf es einer „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“, greift der Berlin und Lüchow-Dannenberg lebende Autor, der 1942 in Liechtenstein geboren wurde, auf einen Begriff der Psychoanalyse zurück. Der ist der promovierte Literaturwissenschaftler Haas eng verbunden: Noch während er 1974 bis 1980 an der Universität Darmstadt lehrte wurde der Autor, der 1978 seine Ausbildung zum Analytiker abschloss, zum Übersetzer und deutscher Herausgeber der Schriften von Jaques Lacan. „Forever Jorn“ hat Haas streckenweise mit seiner Frau Vreni, einer Kunsthistorikerin, verfasst. Es ist nicht das erste Mal, das die beiden in dieser Form zusammenarbeiten: In der Liechtensteiner edition eupalinos erschienen von 2009 bis 2012 drei Quaderni des „Robert Altmann Projekts“, die sich mit dem malerischen und theoretischen Werk des bereits 1929 wegen des aufkommenden Nationalsozialismus aus Hamburg über Paris nach Kuba ausgewanderten Sohn eines jüdischen Bankiers beschäftigen. Einige Texte der Quaderni umreißen bereits ästhetische Positionen, die in der Jorn-Monografie weiterentwickelt werden.

Der Titel „Forever Jorn“ spielt im Anklang an einen der bekanntesten Dylan-Songs spielt auf die Einbindung Jorns in die Bewegungen der 1960er-Revolte und ihrer Vorläufer wieder: Jorn, der in Paris, Italien und Dänemark lebte, war Mitbegründer des „Bauhaus imaginaire“, der Gruppe CoBrA und zeitweise Mitglied der Situationistischen Internationale. Auch seine Äußerungen über die Rolle von Kunst sind den Ideen jener Zeit nahe: Kunst, zitiert Haas Jorn (und weist dabei auf fragwürdige Momente von dessen Position hin), sei „in ihrer Grundform der unmittelbare, spontane und unbewusste Ausdruck für eine Lebensform“.

Die Bildwelten Jorn bleiben weisen allerdings über die wie Haas es nennt „zeitbedingte ideologische Erscheinung“ dieses Statements hinaus. Das Mittel und der Weg, mit und auf dem Asger Jorn den Zeichen seiner Bilder die freie Bewegung ermöglicht und in der 1914 geborene und 1973 gestorbene Däne sie organisiert, ist das Ornament. Dieses, folgt Jorn – und mit ihm Norbert Haas - in einem Text über Kunst einer Definition des schwedischern Kunsthistorikers Erik Lundberg, sei eine Form, die den Betrachter vor die Situation stelle, dass er „ihrer Linie nicht folgen, ihre Einzelheiten nicht Stück um Stück aufnehmen“ und sie nicht „zu einem Ganzen in der Vorstellung zusammenschmelzen lassen“ kann. Das Ornament gebe sich zunächst in „einer Gesamtheit zu erkennen“, erst danach träte „ein Teil stärker heraus aus“, „dann ein anderer, ohne eine individuelle Gestalt anzunehmen“. Norbert Haas stellt solche ornamentale Kunst, wie sie im Orient, aber auch in Skandinavien entstanden ist, in seinen Überlegungen die griechische Antike als Antipode gegenüber, die auf eine lineare Folge des Erfassens separater einzelner Objekte gerichtet sei.

Norbert Haas weist in zahlreichen Interpretationen die Nähe der Jornschen Bildwelten zu diesem ornamentalen Formen nach, mehr noch anhand von zahlreichen hervorragenden, farbgetreuen Reproduktionen Jornscher Bilder, die in Zusammenklang mit der so dezenten wie ausgefeilten typografischen Gestaltung das Buch in die Nähe eines bibliophilen Stückes rücken: ein Plädoyer für das Medium Buch. Ein eigenes Kapitel, das auch die Probleme reflektiert, die sich angesichts des Gebrauchs germanischer Mythologie durch den Nationalsozialismus ergeben, ist der Verwurzelung Jorns in der Ornamentik alter skandinavischer Kunst gewidmet: Jorn sah Skandinavien als das „Traumzentrum Europas“.

In ihrer Auseinandersetzung mit dem ornamentalen Aspekt der Kunst Asger Jorns wird die Monografie von Norbert Haas zu einer Auseinandersetzung mit der menschlichen Wahrnehmung generell. Das Ornament reflektiert, dass es, wie Norbert Haas schreibt, „wahrscheinlich ein Sinn von Bildern (ist), nichts im Verstehen aufgehen zu können“, dass der Betrachter „gerade dort sieht, wo er nicht versteht“, „Wahrnehmung“, heißt es an anderer Stelle, sei „nicht im Betrachter als einem, sondern im Betrachteten als Vielem“ verortet. Das Magische an Jorns Bildern sei, „dass sie an ein subjektiv Reales appellieren, das ... als ein nie ganz Assimilierbares bestehen bleibt.“ Diesen Gehalt, der in der die Multidimensionalität des Ornaments in Form gefasst ist, zu erfahren, dazu brauche der Betrachter eine Haltung, die der Analytiker in Anlehnung an Freud als „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ benennt.

So ist ein Buch entstanden, das sich auch formal dem annähert, wovon es spricht, ein Text, der wie die Bilder Jorns in „nicht allzu genauer definierter Absicht“ in Bewegung bleibt und der „auch am Ende nicht zur Ruhe gekommen sein wird.“

Norbert Haas: „Forever Jorn“
Nimbus Verlag Wädenswil am Zürchersee 2014,
ISBN 978-3-03850-001-8,
Preis: 36,- Euro


Abbildungsnachweis:
Header: Norbert Haas, Lesung im Literaturhaus Liechtenstein, Dez. 2014. Nimbus Verlag
Buchumschlag

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avatar Ulrich Gorsboth
+3
 
 
Aufgrund meiner Kenntnis der Texte des Malers Asger Jorns und aufgrund der Tatsache, dass Jorn Teile seines Lebens in Paris verbrachte, der Hauptstadt des Surrealismus und Zentrum der philosophischen Strömung des Strukturalismus, treibt mich schon einige Zeit die Frage um, wie Lacan und Jorn sich in ihrer Denkart ergänzen. Ihre Nähe zueinander ist keine einfache Frage, zumal Jorn eher nicht zu dem prominenten Künstlerkreis zählte, der Kontakt zu Lacan hielt. Dennoch spüre ich da eine Verwandtschaft. Es ist in diesem Zusammenhang für mich eine freudige Überraschung, wenn ich bei einer Recherche auf einen Jorn-Autor stoße, der mir ausgerechnet als Lacan-Übersetzer bereits bekannt war.
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