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Kenzaburō Ōe: Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie

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Geschrieben von Fee Isabelle Lingnau  -  Mittwoch, den 10. Dezember 2014 um 13:25 Uhr
Kenzaburō Ōe: Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie 4.9 out of 5 based on 26 votes.
Kenzaburō Ōe: Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie

Manche Bücher irritieren. Manche durch ihre Sprache. Manche durch ihre Erzählung. Manche durch Bilder. Und manche dadurch, dass man nicht weiß, was man in den Händen hält.
So geht es mir mit der jüngsten Veröffentlichung des S. Fischer Verlages des japanischen Autors Kenzaburō Ōe, mit dem lyrischen Titel „Licht scheint auf mein Dach“.

Die Szenen, Sequenzen und Gedanken, die Ōe schildert, sind recht intim. Er erzählt von seinem Sohn Hikari. Vom Leben mit dessen Behinderung. Er beschreibt den Alltag mit den langen Bahnfahrten zur Behindertenwerkstatt. Die Sorge vor epileptischen Anfällen – und den nahezu routinemäßigen Umgang während eines Anfalls. Er betrachtet für den Leser das Verhältnis seiner drei Kinder untereinander. Er erzählt von seiner dementen Schwiegermutter, die mit im Haus lebt und ständig zwischen ihrem Zimmer und der Gartenpforte hin-und her wandert, um imaginäre Gäste zu empfangen.

Kenzaburō Ōe - Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie In kurzen Episoden und Reflektionen gibt Kenzaburō Ōe Einblick in die Dynamiken seiner Familie, die offenbar vor allem kreisen um Hikari. „Die Geschichte meiner Familie“, das kündigt derb der Untertitel an. „Kenzaburō Ōes erschütternder wie berührender Bericht über das Leben mit seinem behinderten Sohn“, steht im Klappentext. Beides ist irreführend. Denn hier liegt keine Familiengeschichte vor und auch kein Bericht, sondern eine Zusammenstellung von Texten.
Zusammengestellt wurden sie von der Übersetzerin Nora Bierich aus zwei Publikationen, die 1995 und 1996 erschienen sind. Kenzaburō Ōe hat diese Szenen, Sequenzen und Gedanken also vor 20 Jahren geschildert. Die Gründe, diese Texte jetzt auf deutsch zu veröffentlichen, die Kriterien für die Auswahl, eine Einordnung für die Leserschaft, die Ōe nicht so gut kennen, fehlt leider. Damit fehlt auch ein Fundament, auf dem die Texte stehen können. Ein Vor- oder Nachwort hätte das durchaus leisten können. Und es hätte sagen können, was der Leser in Händen hält.
Ein Vor- oder Nachwort hätte darüber hinaus Hikari Ōe genauer vorstellen können, der nicht nur der Sohn eines Literaturnobelpreisträgers (1994) ist. Er ist auch Komponist. Er hat sehr früh eine Begeisterung für klassische Musik offenbart, hat exzessiv Mozart und Beethoven gehört. Mit Hilfe einer Lehrerin für Komposition hat er begonnen, Musik als seinen Ausdruck zu entdecken. Die Stücke, die er selbst geschrieben hat, haben renommierte Musiker, die Freunde der Familie Ōe sind, überzeugt – sie haben CDs eingespielt, Konzerte gegeben und diente 1995 als Filmmusik für "Shizuka na seikatsu" des japanischen Schauspielers und Filmregisseures Jūzō Itami (1933-1997). Das erfährt der Leser durch den Vater, durch Kenzaburō Ōe, dessen Schaffen stark in dem Eindruck seines ältesten Sohnes steht. An einer Stelle zitiert er einen anonymen Brief, der die Frage stellt, ob Hikaris Kompositionen auch zur Aufführung gekommen wären, wenn er nicht der Sohn eines bedeutenden Schriftstellers wäre...

Die meisten Sequenzen sind geschrieben aus der Distanziertheit der Reflektion. Ōe selbst scheint also ständig außerhalb der Situationen zu stehen, während er erzählt, denkt er nach über sein Schreiben, sein Engagement und seine Einstellungen zu Menschen und Ereignissen. Doch manchmal offenbart er auch Momente von Überforderung. In einem solchen hat er Hikari in einem Kaufhaus allein gelassen – und ihn schließlich stundenlang voller Sorge gesucht.
Vielstimmig ist dieses Buch – und all diese Stimmen sind die des etwa 60-jährigen Kenzaburō Ōe – der im Januar 2015 achzig Jahre alt wird. Es ist interessant ihnen zuzuhören. Es ist interessant, etwas mehr über die Bewegungen Ōes zu erfahren. Es wäre spannend, zu erfahren, in welchem Kontext diese Stimmen erklungen sind.

Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, Romanistik-Studium an der Tokyo University. Abschluss mit einer Arbeit über Sartre, schrieb Essays, Geschichten und Romane. Mit 23 Jahren erhielt Ōe den renommierten Akutagawa-Preis, es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen - darunter 1994 der Nobelpreis für Literatur. Ōe lebt in Tokyo. Zuletzt ist von ihm der Roman „Sayonara, meine Bücher“ erschienen.

Kenzaburō Ōe: Licht scheint auf mein Dach. Die Geschichte meiner Familie
S. Fischer
Gebundene Ausgabe: 206 Seiten
ISBN: 978-3-10-055217-4
19,99 €

Leseprobe


Abbildungsdnachweis:
Header: Detail von Buchcover. S. Fischer Verlag
Buch-Cover

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