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Jürgen Neffe: „Mehr als wir sind“ – „Für die Larve ist der Falter Utopie“

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Geschrieben von Fee Isabelle Lingnau  -  Mittwoch, den 26. November 2014 um 14:20 Uhr
Juergen Neffe

Das ist ein Roman, über den man reden muss! Beim Lesen. Nach dem Lesen. Beim Denken. Und wieder Lesen.
Mit Freunden vielleicht sogar zusammen lesen. Denn Jürgen Neffes „Mehr als wir sind“ zielt in all seinen vielen Schichten aufs Wesentliche. Und es muss ein Heidenspaß sein, gemeinsam den Wirklichkeiten der Erzählung zu folgen. Schon allein ist es ein Genuss.
Den Inhalt gibt der Klappentext an mit der Lebensgeschichte eines Chemielaboranten, der ein Elixier entdeckt, das Schlaf überflüssig und die Konsumenten statt dessen kreativer, ausdauernder und attraktiver macht. Erzählt werde aus einer fernen Zukunft durch einen Biographen. Und die Welt gerate zusehends aus den Fugen.

Das stimmt alles irgendwie – und doch nicht. Denn wir wissen nicht, wer der Ich-Erzählern tatsächlich ist. Er sagt, er sei Biograph – ein sogenannter analytischer Biograph: die das Leben ihren Figuren nachstellen, sich in Gruppen treffen und verschiedene Rollen übernehmen in den Biographien, die ihre Kollegen erzählen. Somit ist er also auch Coppki, also sein „Held“, Assistent im Leben einer Architektin, Sohn einer Chirurgin, Lehrer eines Tänzers... Diese Überlagerungen sind hier wahrhaftig und nicht bloß Darstellungen. Das Elixier entpuppt sich als überflüssig. Und die Welt ist vor allem zu Coppkis Zeit – Anfang des 21. Jahrtausends – sehr aus den Fugen. Seine Entdeckung hat, so scheint es, Erlösung gebracht: Die Konsumenten werden optimistisch, friedlich, sozial. Die gesellschaftlichen Probleme lösen sich auf. So scheint es.
Warum das plötzlich gelingen kann, wo doch so viele bereits seit Jahrzehnten daran arbeiten? „...noch nie haben sie in dieser Weise ihre Gemeinsamkeiten gesucht und gefunden und sich unter ihnen vereint, statt in unzähligen Initiativen, Vereinen und Stiftungen zu wetteifern und sich mit kleinlichen Erfolgen zu begnügen.“ Und ein weiterer wichtiger Ansatz: „Wir gehen nicht mehr davon aus, was zu zerstören wäre. Vielmehr fragen wir uns, wie eine Welt aussähe, von der die allermeisten Menschen sagen würden, so soll sie sein“, sagt einer der Revolutionäre.

Jürgen Neffe - mehr als wir sindEine Utopie? Eine Dystopie? Ein Gedankenexperiment? Ja. Alles. Und eine beeindruckende Analyse von Mensch und Gegenwart. Das ist es, was Jürgen Neffe mit seinem ersten Roman geschrieben hat. Es ist eine Geschichte, die atemlos macht, die einen nicht loslässt. Und es ist eine unglaublich gehaltvolle Geschichte, deren Inhalte gar nicht alle genannt werden können. Das wichtigste ist vielleicht, dass Neffe beschreibt, dass der Mensch – der einzelne wie auch die Menschheit – nie stillstehen sollte und sich niemals sicher sein kann. Denn hinter seinem utopischen Entwurf scheint schon die nächste Unzufriedenheit hervor.
Jürgen Neffe scheut sich nicht, fast schon wild allerlei Mythen einzuweben in sein Werk – egal ob Geschichten aus den Religionen, dem Altertum und der Gegenwart wie die Friedliche Revolution. Und es wirkt an keiner Stelle gezwungen oder aufgesetzt, sondern stets stimmig. Sie geben hier weitere Tiefe – in die man hineinsehen kann. Sie geben dem Leser Perspektiven für den Blick in die Welt.
Das Heute beschreibt Jürgen Neffe bisweilen so, dass es zugleich vertraut ist und absurd erscheint – wie eine Zeit in einer fernen Erinnerung. Das erreicht er beispielsweise durch die Erklärungen des Erzählers, der ja vermeintlich seiner Leserschaft in einer ganz anderen Gesellschaft von seinem Helden berichten will. So setzt er an das Wort Mobiltelefone per Fußnote die Erklärung: „Damals gebräuchliche, handliche Apparate zur ständigen Verfügbarkeit als Sender und Empfänger, die bald jeder bei sich trug. Aus einfachen Funktelefonen – „Handys“ – hervorgegangen, wurden sie bald zum Fenster in die Welt zum Hören, Lesen, Schreiben, Filmen und Versenden der Texte, Töne und Bilder. Die Kleinrechner, wahre Stromfresser, mussten regelmäßig aufgeladen werden. Waren ihre Reserven aufgebraucht, gingen sie entzwei oder verloren, war ihr Besitzer, mitunter als lebensbedrohlich empfunden, von der Welt und allen Kontakten abgeschnitten.“

„Mehr als wir sind“ zeigt, dass wir weiterdenken müssen. Dass wir weiter denken müssen; darüber wie wir leben, wie wir leben wollen. Und dass wir nicht stringent und einfach unser Leben abschreiten.

Jürgen Neffe: „Mehr als wir sind“
Verlagsgruppe Random House, C. Bertelsmann
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN: 978-3-570-10205-3
19,99 €
e-pub
ISBN: 978-3-641-13982-7
15,99 €

Leseprobe


Abbildungsnachweis: Random Houise / C. Bertelsmann
Buch-Cover

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