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Kopf-Hörer 17 – Sammlung im Herbst

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Donnerstag, den 19. Oktober 2017 um 08:42 Uhr
Kopf-Hörer 17 – Sammlung im Herbst 4.2 out of 5 based on 67 votes.
Kopf-Hoerer 17 – Sammlung im Herbst

Ein erstaunliches, packendes Violin-Debüt von Noa Wildschut, melancholische Pavanen für Gambe, Laute und Emma Kirkby, frappierende 600 Jahre junge Neutöner mit dem Ensemble Santenay, Frühwerke von Richard Wagner und Horn-Trio mit Felix Klieser.

OVER Noa WildschutNoa Wildschut: Mozart. Die gerade mal 18 Jahre junge Niederländerin wünschte sich mit zwei ein Cello und begann Geige zu lernen, als sie vier war. Sie gewann mit neun Jahren den Louis-Spohr-Wettbewerb in Weimar in der Gruppe der bis zu 14-Jährigen, hat Anne-Sophie Mutter mit deren Stiftung als Mentorin gewinnen können und tritt längst international mit großen Orchestern auf. Dieses packende Debüt-Album lässt hören, was Wildschuts Spiel so besonders macht: konzentriertes, dichtes, intensives, direkt zu Herzen gehendes Spiel, das man – nur gehört – wesentlich älteren Violinisten zuordnen möchte. Immer dabei: eine unerhörte Freude am mitreißend lebendigen Musizieren. Mozarts A-Dur-Violinkonzert wirkt in ihren Händen wie frisch aufpoliert, die neuen Kadenzen nach ihren Ideen verraten Virtuosität, Gestaltungswillen, Eleganz und Lust am Neuen. Das überträgt sich offenbar auch mühelos auf das Niederländische Kammerorchester unter Gordan Nikolíc. Ebenso reif, zupackend und zart zugleich, dabei detailversessen, aber kein bisschen akademisch spielt Wildschut Mozarts Violinsonate Nr. 32. Dieses Album macht unbedingt neugierig auf ein Debütkonzert in der Elbphilharmonie – man möchte auf diesen aufgehenden Stern nicht mehr lange warten müssen.

Mozart: Violinkonzert No.5, Sonate KV 454, Adagio KV 261
Noa Wildschut (Violine), Netherlands Chamber Orchestra, Dirigent: Gordan Nikolič.
Warner Classics
1 CD + 1 DVD
01902 9582 8431



Cover KirkbyKirkby/Chelys Consort of Viols: Dowlands Lacrimae pavans u.a. Das ist die ultimative CD für die Jahreszeit, in der die Blätter sich gelb färben und schaukelnd zu Boden segeln. Nicht nur wegen des Titels „A Pleasing Melancholy“, sondern wegen der feinen, unglaublich dezenten Art, wie das fünfköpfige junge britische Gamben-Ensemble Chelys Consort of Viols gemeinsam mit dem Lautenisten James Akers und der großen Emma Kirkby die Musik von John Dowland und etlichen Zeitgenossen interpretiert. Im Kern natürlich die Lacrimae Pavans von Dowland, sieben Pavanen, die allgemein angesehen werden als der Gipfel dieser Form. Pavanen, das sind feierliche gerad-taktige Schreittänze, langsame Musikstücke, in der die zeittypische Mode der Melancholie eine ideale Ausdrucksmöglichkeit fand, wobei damit nicht nur traurige Gefühlsregungen angesprochen werden. Robert Burtons schreibt 1621: „Viele Menschen werden beim Anhören von Musik melancholisch, aber es ist dies eine angenehme Melancholie. Und darum ist sie für all jene, die unzufrieden, voll Schmerz, Furcht und Leid sind, ein wirksames Heilmittel: Sie vertreibt Sorgen, belebt betrübte Gemüter und sorgt augenblicklich für Linderung. Eine CD, die man am liebsten einen langen Nachmittag über auf Endlos-Schleife stellen möchte, goldbraunen Tee dazu und den Blick nach draußen, wo die Natur sich auf den Winter vorbereitet, aus dem der nächste Frühling geboren wird. Realisiert wurde das Projekt übrigens auch durch Crowdfunding: durch einen Spenden-Aufruf via Kickstarter.

Dowland u.a.: A Pleasing Melancholy
Emma Kirkby, Sopran, James Akers, Laute. Chelys Consort of Viols.
SACD BIS Records
BIS-2283



Cover Ensemble Santenay: Think Subtilior.Ensemble Santenay: Think Subtilior. Sie waren war kaum mehr als ein Wimpernschlag der Musikgeschichte, diese Jahre zwischen 1377 und 1420, als sich eine Gruppe französischer Komponisten im Umkreis der daranmachte, die Grenzen der damaligen Musik nicht nur auszuloten, sondern sie in vielfältiger Weise zu überschreiten. Die meisten von ihnen standen im Dienst der Hofkapelle, über Verbindungen zu anderen Hofkapellen breitete sich der neue Stil aus. Alles Überlieferte stellten sie auf den Prüfstand, Unerhörtes erhielt Einzug neben dem Hergebrachten: Polyrhythmik, Synkopen, Triolen, Ausflüge in Regionen, die weit vom Grundton eines Stücks entfernt liegen. Auch in der Notation wurde experimentiert: Man schrieb Noten in Herz- oder Kreisform auf, entwickelte die Notenschrift selbst weiter – das noch heute benutzte Fähnchen am Hals von Achtelnoten hat hier seinen Ursprung. Bis heute klingt die Musik der alten Neutöner frisch, überraschend, ungewöhnlich, fast frech. Manieristisch sagte man lange dazu, bevor sich der Begriff „Ars subtilior“, die verfeinerte Kunst, dafür durchsetzte. Das 2004 gegründete vierköpfige Ensemble Santenay um die aus Bayern stammende Sopranistin Julla Landsberg interpretiert diese Musik für heutige Ohren, die sich freimachen können und öffnen für die frappierende Modernität der Musiker vor 600 Jahren. Eine großartige, manchmal wunderhübsch esoterisch klingende Entdeckung.

Think Subtilior. Works by Hasprois, Solage, Cordier, Ciconia, Anonymous
Ensemble Santenay (Julla von Landsberg, Elodie Wiemer, Szilárd Chereji, Orí Harmelin).
Ricercar
1 CD
RIC 386



Cover MDR Symphony: Wagner – frühe OuvertürenMDR Symphony: Wagner – frühe Ouvertüren. Wer war Wagner, bevor er jener Wagner wurde, dem heute noch Jahr für Jahr die Bayreuth-Pilger zu Füßen liegen? Nun, der Großmeister in spe hat sich ausprobiert. Er hat zwei Konzertouvertüren geschrieben, aus deren Noten sehr deutlich beethovensche Klassik hervorlugt, Schauspielmusiken, in denen Webers unverwechselbare Freischütz-Klänge unterwegs sind. Die Titel („König Enzio“, „Christoph Columbus“) kennen vermutlich nur ausgemachte Wagner-Forscher, in Konzertprogrammen hört man sie so gut wie nie. Nicht in Bayreuth gespielt werden auch Wagners erste eigene Opern „Die Feen“ und „Das Liebesverbot“, die Ouvertüre zu letzterer könnte locker auch den Auftakt zu einer Operette von Jacques Offenbach machen. Und so ist es sehr verdienstvoll, das Naxos diese sechs selten gehörten Wagner-Stücke aus den 1830er-Jahren neu herausbringt, mit dem Siegfried-Idyll als Dreingabe. Gespielt vom MDR Leipzig Radio Symphony Orchestra unter Jun Märkl. Frisch, entschlackt, ohne bedeutungsschwangeres Pathos – Richard Wagner, wie er wurde, was er ist.

Wagner: Concert Ouvertures
MDR Leipzig Symphony Orchestra, Leitung: Jun Märkl.
Naxos
CD
8.573414



Cover Klieser, Bielow, Schuch: Horn TriosKlieser, Bielow, Schuch: Horn Trios. Es ist die Verbeugung eines perfekten Horn-Spielers vor dem Mann, der für das Horn eines der anrührendsten Stücke Kammermusik geschrieben hat: vor Johannes Brahms und dem Adagio seines Horn-Trios op. 40 – „die Krone der Gattung“, wie es gern genannt wird. Felix Klieser spielt das Werk, das mit seinen vier Sätzen in fast symphonischer Länge daherkommt, mit seinem linken Fuß – und mit einer selbstverständlichen Lässigkeit, Souveränität und einem warmen goldbronzen singenden Hornton – die schnellen Sätze wie das Scherzo und das Allegro con brio des Finales genauso wie die aufwühlende Seelentiefe des Adagio, in dem Brahms den Tod seiner Mutter verarbeitet hat. Zusammen mit den Trio-Partnern Herbert Schuch (Klavier) und Andrej Bielow findet Klieser zu einem fein dialogisierenden und abgestimmten Miteinander – eine Lust, das zu hören. Ganz nebenbei unternimmt die CD noch ein kleine Reise durch die Entwicklung der Werkgattung Horn-Trio – von den ihre Wurzeln in der Klassik nicht verleugnenden Trios von Duvernoy über die spätromantischen Petites Pièces von Charles Koechlin bis zur 1923 erschienenen einsätzigen, elegisch mit Mahler-Reminiszenzen gespickten Serenade von Robert Kahn (1865-1951), einem Opfer der nationalsozialistischen antisemitischen Politik – er musste vor den Nazis fliehen, um sein Leben zu retten und geriet so aus dem Blick und in Vergessenheit. Felix Kliesers dritte CD – eine wunderbare Huldigung an sein Instrument und an Komponisten, die es liebten.

Brahms u.a.: Horn Trios
Felix Klieser (Horn), Andrej Bielow (Violine), Herbert Schuch (Klavier)
Berlin Classics
CD
0300931 BC



Abbildungsnachweis:
CD-Cover
 

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