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Veranstaltung 

Kumamoto Artpolis
Titel:
Kumamoto Artpolis
Wann:
05.08.2010 - 02.09.2010 
Wo:
Architektenkammer Niedersachsen - Hannover
Kategorie:
Architektur - Design

Beschreibung

Der kulturelle Austausch zwischen Japan und Hamburg, sowie die daraus resultierende deutsch-japanische Freundschaft, basieren auf zahlreichen Beziehungen, die sich seit langer Zeit entwickelt und verfestigt haben.
So können wir uns bereits darauf freuen, im Jahre 2011 das 150. Jubiläum der Handelsbeziehungen zwischen Japan und Deutschland, bzw. des damaligen Preußen zu feiern. Das Jubiläumsjahr bezieht sich auf den japanisch-preußischen Freundschafts-und Handelsvertrag, der im Jahre 1861 abgeschlossen wurde.
In der Gegenwart finden wir ein dichtes Kommunikationsnetzwerk auf ganz unterschiedlichen Ebenen, wie der des Handels, der Wissenschaften, der Diplomatie und der Kultur.

Deutsch-japanischer Austausch in der Architektur.
Im Folgenden möchte ich näher auf die Geschichte eines spezifischen kulturellen Teilbereich des Austauschs zwischen Japan und Deutschland eingehen: Die Architektur. Hierzu sollen einige bedeutsame Architekten und deren Bezug zur japanischen Architektur genannt sein. Ich beschränke mich an dieser Stelle bewusst auf den Einfluss Japans auf Deutschland.

Henry van de Velde, 1863-1957.
Zwar wurde Henry van de Velde in Belgien geboren, jedoch soll er aufgrund seines umfangreichen architektonischen Wirkens in Deutschland genannt werden.
Henry van de Velde, bekannt für seinen Umgang mit dem Ornament und für seine Jugendstilbauten, wie beispielsweise die Weimarer Kunstgewerbeschule, ließ sich auf unterschiedliche Weise von der japanischen Kultur inspirieren. Er bewunderte die japanischen Farbholzschnitte Hiroshiges und Utamaros und sprach von einer „Offenbarung für uns junge Künstler“. Er selbst versuchte sich auch in der Kunst des Holzschnitts, welche er „natürlich weit entfernt von den Meisterwerken“ nannte.
Im japanischen Holzschnitt entdeckte van de Velde auch ein weiteres Attribut, welches seiner eigenen Haltung zusagte: Die Möglichkeit zur Vervielfältigung und industrieller Herstellungsverfahren von Kunstwerken, von der er sich versprach, eine breite Masse zu erreichen und in vielen Menschen Emotionen anregen zu können. Zudem sprach er sich gegen das Streben des seiner Meinung nach egoistischen Individualismus von Künstlern und Architekten aus, dem van de Velde mit der Befürwortung des Massenprodukts entgegentrat.
Desweiteren schätzte van de Velde an dem japanischen Holzschnitt und an der japanischen Kultur, dass die Dinge des Alltags - reine Gebrauchsgegenstände - nicht nur ihre Funktion erfüllen, sondern darüber hinaus auch „schön“ - eine Kunst an sich - sind.

Bruno Taut, 1880-1938.
Bruno Taut ist der deutsche Architekt, welcher den wohl bedeutsamsten Bezug nach Japan hergestellt hat. Er wohnte von 1933-1936 in Japan.
Sein großer Verdienst am kulturellen Austausch beider Länder liegt weniger in der baulichen Tätigkeit. Ähnlich wie Henry van de Velde spielte für ihn die ästhetische Gestaltung alltäglicher Gebrauchsgegenstände eine Rolle. So entstanden in Japan zahlreiche Entwürfe, beispielsweise für Teller, Kerzenhalter, Brieföffner oder Löschpapierhalter.
Vor allem ist Taut jedoch die intensive, gewissenhafte und liebevolle Auseinandersetzung mit der japanischen Kultur hoch anzurechnen, aus der viele Artikel sowie 3 signifikante Werke hervorgingen: Japan, mit europäischen Augen gesehen, Japans Kunst und Houses and People of Japan. Sein ehrlicher Wille, Japans Kultur so tiefgründig wie nur möglich zu durchdringen, wird auch in Japan bis heute sehr geschätzt.
Tauts architektonische Haupinteressen in Japan waren das japanische Wohnhaus sowie die traditionelle japanische Architektur, in eben welcher er die Moderne sah, welche die Japaner den Europäern weit voraus hatten.

Walter Gropius, 1883-1969.
Walter Gropius hatte bereits vor seiner recht späten Japanreise im Jahre 1954 ein großes Interesse an der Kultur dieses Landes. Er schätzte die japanischen Holzschnitte und die Zen Philosophie. Architektonisch inspirierend waren für ihn das dem japanischen Wohnhaus inhärenten Potential des modernen, vorfabrizierbaren Hauses aufgrund der vorhandenen Proportionsnormen, wie z.B. des Tatami Maßes. Gropius fand jedoch nicht nur Gefallen an diesem funktionalen Aspekt; auch das Verhältnis des Raums zum menschlchen Maß empfand er in der japanischen Architektur als äußerst harmonisch.
Obwohl Gropius zu dieser Zeit Japan noch nicht bereist hatte, sind das Direktorhaus in Dessau, eröffnet 1926, sowie das Wohnhaus in Lincoln aus dem Jahre 1938, bereits beispielhaft für die japanischen Einflüsse in seiner Arichtektur. Das Wohnhaus in Lincoln wurde auch von dem Zen-Gelehrten Suzuki hoch anerkannt, der Gropius nach dessen Rückkehr aus Japan dort besuchte.

Egon Eiermann, 1904-1970.
Egon Eiermann ist nie nach Japan gereist. Und doch liebte er die japanische Architektur, die seine Werke ganz offenbar prägte. Immer wieder verwies er auf Yoshida Tetsuros Werk Das Japanische Wohnhaus.
Eiermanns Affinität zu Japans Kultur mag auch auf gewissen Ähnlichkeiten zwischen Eiermanns architektonischer Haltung und dem Charakter des japanischen Hauses gründen. So ist ein Merkmal von Eiermanns Arbeitsweise und Gestaltung die häufige Wiederverwendung und Wiederholung - durchaus mit einem Spielraum für Varianz - von architektonischen Elementen und Details. Ähnlich verhält es sich mit der japanischen Architektur: Auch hier finden wir feste Maßregeln, die Wertschätzung von Details und Vielfalt innerhalb der Wiederholung von Elementen, sowie einer moderaten und klaren Formensprache.
Beispielhafte Parallelen zur japanischen Architektur zeigt Eiermanns Wohnhaus in Baden Baden. Bezüge zu Japan sind hier zu finden in der der Straße geschlossenen und sich dem Garten öffnenden Fassadengestaltung. Eine dort halböffentlich anmutende Zone zwischen Innen und Außen erinnert an den prägnanten Zwischenraum der Engawa, zu finden in traditioneller japanischer Architektur.
Die weiten Überstände des Daches sowie die tiefgraue Farbgestaltung der Wände mögen auf der Auseinandersetzung mit Tanizaki Jun‘Ichiros Werk Lob des Schattens basieren. Auch die Glasschiebetüren in Eiermanns Bauwerk erinnern an die Shoji in traditionellen Gebäuden und Räumen Japans.

Dieser historische Rückblick auf den architektonischen Austausch zwischen Japan und Deutschland mag bereits einen Einblick in einige Merkmale der japanischen Architektur vermittelt haben.
Die Architekturausstellung Kumamoto Artpolis ist ein Zeichen des stetigen Wachstums und der Pflege kultureller Verbindungen zwischen Japan und Deutschland.


Kumamoto Artpolis.

Die Relevanz der Architektur im öffentlichen Raum.
Der griechische Mythos des Prometheus erzählt, wie die Menschen in den Besitz des Werkzeugs des Feuers gelangten, welches ihnen die Möglichkeit gab, ihren Lebensraum zu bestimmen und zu gestalten. Dieser Mythos mag ein Sinnbild für die Wiege der Kultur sein, die im Gegensatz zur Natur steht: Die Kultur ist die Umwelt des Menschen, die er sich selbst künstlich erschaffen hat.
Dazu zählt die Architektur in einem ganz besonderen Maße. In unserer heutigen Zeit findet eine zunehmende Verstädterung statt: Inzwischen leben 50% der Weltbevölkerung in Städten, Tendenz steigend. Die gebaute Umwelt ist daher unser aktueller und zukünftiger Lebensraum. Wenige Menschen sind Architekten, und doch ist die Architektur ein Gebiet, das jeden betrifft.
Die Rolle der Architektur geht dementsprechend weit über den Bereich der Ästhetik oder des Designs hinaus: Architektur prägt unseren Wohnraum zu Hause, sowie auch den öffentlichen Raum. Neben geographischen, klimatischen und geschichtlichen Aspekten, reagiert Architektur auf den gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext. Darum ist die Architektur des öffentlichen Raumes - die Architektur des Alltags und unsere Auseinandersetzung mit dieser, ein Thema von großer Signifikanz.
In dem Titel des Projekts Kumamto Artpolis sind zwei Bedeutungen enthalten. Die Kunst - Art - einerseits, sowie die Polis andererseits. Die Polis, ursprünglich der öffentliche Handlungsraum des alten Griechenlands, ist ein umfangreich konnotierter Begriff, dessen ausführliche Betrachtung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Daher sei an dieser Stelle lediglich auf die Bedeutung der Polis als der Ursprung des europäischen öffentlichen Raumes sowie unserer heutigen Demokratie hingewiesen. Es versteht sich, dass die tatsächlichen Bedingungen und Regelungen in der Antike nicht ohne Weiteres auf unsere heutige Zeit übertragbar sind. Daher ist der Ausdruck Polis sinnbildlich aufzufassen.
Der Name Kumamoto Artpolis verweist also auf die Synthese von Design und öffentlichem Raum - in diesem Falle in Gestalt von Architektur.

Über das Projekt.
Das Programm Kumamoto Artpolis wurde 1988 ins Leben gerufen. Ziel dieses Programms ist es, in der Präfektur Kumamoto mit Hilfe von gestalterisch hochwertigen Architekturprojekten neue Gemeinschaften zu bilden, Architekten und Bewohner in Kontakt treten zu lassen und durch diesen Dialog neue Tendenzen in Gesellschaft und Lifestyle zu erkennen, aufzugreifen und darauf zu reagieren.
Das Projekt Kumamoto Artpolis sieht grundsätzlich einen Beauftragten vor, welcher die Aufträge für die Bauprojekte an einen Architekten seiner Wahl vergibt. Der erste Bauftragte war damals der große Architekt Arata Isozaki, aktuell besetzt der namenhafte Toyo Ito dieses Amt.
Seit der Gründung 1988 bis heute sind auf Basis dieses Konzepts mehr als 70 Bauwerke kontemporärer, überwiegend japanischer Architektur, renommierter sowie weniger bekannter japanischer und ausländischer Architekten entstanden, durch die sich die Präfektur Kumamoto auf internationaler Ebene einen Namen gemacht hat.
Art+Polis, der Name ist Programm: Bekannte Architekten, die in Kumamoto ein Projekt verwirklicht haben, sind beispielsweise Toyo Ito, Renzo Piano, Tadao Ando, Kazuyo Sejima und Yoshiharu Tsukamoto. Die Bauwerke erfüllen unterschiedlichste öffentliche Funktionen. Unter den Projekten finden sich u.a. eine Polizeistation, mehrere Wohnsiedlungen, öffentliche Toiletten, Museen, Theater, eine Mehrzweckhalle, die Gestaltung von öffentlichen Freiräumen, Brücken, Schiffsanlegestellen, Sporthallen und vieles mehr.
Inwiefern in den Architekturen Kumamotos die ursprüngliche Identität der japanischen Architektur zu finden ist, bzw. auf welche Weise diese modifiziert, transformiert und in eine angemessene und moderne architektonische Sprache übersetzt wurde, ist an jedem einzelnen Projekt zu untersuchen. Eine allgemeine Feststellung kann hier nicht getroffen werden, zumal von 1988 bis heute, auch unter dem Einfluss der wechselnden Beauftragten von Kumamoto Artpolis, das Programm und dessen Resultate sich in einem ständigen Entwicklungsprozess befinden.
Doch Eines lässt sich generell feststellen. Von einer Reproduzierbarkeit, von Wiederholung, von normierten Maßen oder Elementen, die Henry van de Velde, Gropius und Eiermann so an der japanischen Architektur geschätzt wurden, ist im Gesamtbild von Kumamoto Artpolis nichts zu entdecken - das Konzept ist schließlich auf das gegenteilige Resultat hin ausgerichtet. Dies betrifft jedoch lediglich die Formensprache der über 70 verwirklichten Gebäude, die jedes für sich ein individuelles Unikat darstellen, im Gegensatz zur subtilen Varianz der Repetition in der traditionellen japanischen Architektur.
Andererseits ist ein anderer Grundsatz immer noch erhalten geblieben: Die Verbindung von Ästhetik und Zweckmäßigkeit, von Schönheit und Funktion in Gebrauchsgegenständen, oder in diesem Falle, in einer Architektur des Alltags, einer Architektur der Gemeinschaft und der Öffentlichkeit, eine Architektur der Partizipation, einer Gebrauchsarchitektur für die Gesellschaft mit hohem Anspruch an gutes Design.
Henry van de Velde versprach sich von der industriellen Herstellung von Kunst, eine breite Masse ansprechen und bewegen zu können. Ich möchte behaupten, dass das Konzept von Kumamoto Artpolis trotz der völlig unterschiedlich gestalteten Bauwerke, diesem Anspruch dennoch gerecht wird. Denn besonders unter dem aktuellen Beauftragten Toyo Ito spielt der partizipatorische Anteil der Bewohner an den Projekten, sowie der prozesshafte Charakter während der Projektentwicklung, eine große Rolle. Aufgrund der jeweils vielfältigen sozialen und regionalen Einflüssen, unter denen ein jedes Bauwerk entsteht, ist ein einmaliges, individuelles Resultat wohl die einzig mögliche Antwort auf dessen ebenso einmaligen Kontext.

Öffnungszeiten: Mo-Do 10-16 Uhr, Fr 10-12 Uhr
Foto: Mamihara Bridge

Veranstaltungsort

Karte
Ort:
Architektenkammer Niedersachsen   -   Website
Straße:
Friedrichswall 5
PLZ:
30159
Stadt:
Hannover
Bundesland:
Niedersachsen
Land:
Land: de